kann man musik anfassen? - oder: warum man haptik nicht essen kann

Musik war mal groß, gewichtig und ganz schön schnell. Ihr Körper war rund und tiefschwarz und womöglich das erste Klonprodukt, denn es gab ihn zu Zehntausenden. Musik hatte einen Durchmesser von zunächst 17,5 Zentimeter und ein Gewicht von zirka 150 Gramm – dies manifestierte sich beispielsweise in einer Schellackplatte von 1889. Der musikalische Durchmesser wuchs 1901 auf die weltweite Norm von zehn Zoll, das sind etwa 25 Zentimeter. Und Musik war ganz schön schnell, sie rotierte mit 78 Umdrehungen in der Minute. Doch der Wachstumsboom von Musik war damit noch lange nicht zu Ende. Die Durchmessermarke von 30 Zentimeter wurde geknackt. Musik verlor aber schon deutlich an Gewicht und wog nur noch so um die 200 Gramm. Mit 33 Umdrehungen in der Minute war Musik mit deutlich gebremstem Schaum unterwegs, das aber inzwischen millionenfach. Danach kam die Musik in die Wechseljahre und ihre Lebensgrammatik änderte sich grundlegend. Sie verlor zusehends an Form, an Größe und nicht zuletzt an Gewicht. Am Ende verlor sie auch ihren Körper. Wurde gänzlich körperlos, dafür aber wieder verdammt schnell und mobil, und verbreitet sich trotzdem (oder gerade deshalb) millionen- und abermillionenfach.

Wie alles anfing Worüber reden wir eigentlich? Reden wir von Musik oder ihrer Verpackung? Ganz klar, von der Verpackung ist hier die Rede, und auch vom Körper, der den Ton der Musik trägt. Erst der musste überhaupt verpackt werden. Also betrachten wir eine sehr, sehr kurze Zeitspanne, gerade mal etwas über 100 Jahre. Doch die Idee, der Musik einen tragenden Körper zu verleihen beziehungsweise sie zu konservieren, ist weitaus älter als diese läppischen 100 Jahre. So ist die Geschichte (der Gedanke) der Tonkonservierung länger, als manch einer denkt.

  • 21.09.2011
  • Sinfonisch
  • Franz X.A. Zipperer
  • Ausgabe: 2/2006
  • Seite 24-27

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