Jurierende Dirigenten im Gespräch: Fachlichkeit und Emotionen

Foto: Klaus Härtel

Man kennt die Diskussionen, die sich um Wettbewerbe und Wertungsspiele drehen. Dass sich immer alle einig sind, kommt selten vor. Die Diskussionen um Wettbewerbe und die damit verbundene Bewertung von Musik im Allgemeinen sind vermutlich so alt wie die Musik selbst. Und es ist auch klar, dass das olympische Motto »citius, altius, fortius« (lateinisch für schneller, höher, stärker) sich auf die Musik nicht so ohne Weiteres anwenden lässt. Wir haben einmal Dirigenten gebeten, uns von ihren Erfahrungen zu berichten, die sie am Jurytisch so gemacht haben.

Alles Geschmackssache?

Klar kann man messen, wer den »Hummelflug« am schnellsten spielt, doch künstlerische Messkriterien drücken sich in der Regel nicht in Zentimetern, Sekunden oder Kilogramm aus. Das wiederum macht es für den Außenstehenden oft nicht ganz leicht, Juryentscheidungen zu verstehen – zumal sich über Geschmack ja bekanntermaßen streiten lässt.

Die Kunst – und damit auch die Musik – ist oftmals eben Geschmackssache. Doch ganz ehrlich: Auch beim Fußball kann man trefflich darüber streiten, ob jetzt tatsächlich die bessere Mannschaft gewonnen hat oder doch eher die glücklichere…

Es ist nicht selten, dass das Publikum (und auch die teilnehmenden Musiker) zu einem anderen Ergebnis kommt als die Jury. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Renold Quade, Juror und unter anderem Dirigent des Landesblasorchesters Nordrhein-Westfalen, verweist auf den Sport: »Ein ›richtiger Fußballfan‹ steht treu zu seiner Mannschaft, auch wenn sie mal nicht so überzeugend gespielt hat. Wir Musiker funktionieren menschlich genauso wie unsere Kollegen vom Sport. Also ist es ganz natürlich, dass sich hier Emotionen, Einschätzungen und Bewertungen bunt mischen.«

Auch Norman Grüneberg, Juror und unter anderem Leiter des Symphonischen Blasorchesters Leipzig, sieht das nicht zwingend problematisch bzw. hält das geradezu für normal: »Ein musikalisches Ereignis und dessen Bewertung ist immer subjektiv, sodass natürlich Abweichungen vorkommen. Eine gut funktionierende Jury versucht, die Abweichungen so gleich wie möglich zu halten und in den allermeisten Fällen gelingt das auch. Aber natürlich trifft das nicht immer den individuellen Bewertungsmaßstab von anderen.«

Hermann Pallhuber, Juror und unter anderem Professor an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim, sieht das ähnlich: »Es liegt in der Natur der Sache, dass viele Menschen im Publikum ihren eigenen Blick- und Hörwinkel und einen ganz anderen emotionalen oder privaten Zugang zu einem Wettbewerbsvortrag haben als Juroren. Oftmals sind ganze Fan-Clubs dabei, die enttäuscht sind und eine andere Meinung als die Juroren vertreten, wenn eine Wertung nicht die erhoffte Punktezahl erreicht.«

Thomas Wolf, Juror und unter anderem Leiter der Brass Band A7, stimmt zu: »Die neutralen Zuschauer lassen sich beim Hören von einem Musikstück sehr stark von persönlichen Gefühlen und Emotionen leiten.« Und die Jury müsse als neutraler Beobachter und Zuhörer objektiver an einem Vortrag teilnehmen und die wichtigen musikalischen Parameter bei der Bewertung in den Vordergrund stellen.

  • 23.08.2019
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 9/2019
  • Seite 28-31

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