Jos Zegers: Neuer Dirigent des Bundespolizeiorchesters

  • 20.01.2017
  • Szene
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 2/2017
  • Seite 54-56

Zum Maestro wird nur vorgelassen, wer sich im Vorfeld mit dem Geburtsdatum angemeldet und seinen Personalausweis vorgelegt hat. Starallüren? Mitnichten! Jos Zegers ist neuer Dirigent des Bundespolizeiorchesters München. Und bei der Polizei achtet man eben auf die Sicherheit. Wir sprachen mit dem jungen Niederländer.

Sie waren gestern Abend bei den Münchner Philharmonikern mit Valery Gergiev. Mahler und Strauss standen auf dem Programm. Hört oder sieht man sich als Dirigent solche Konzerte anders an?

Es war eine sehr kurzfristige Entscheidung und ich habe noch Karten bekommen. Die Plätze waren seitlich vom Orchester und ich habe tatsächlich direkt auf Valery Gergiev heruntergeschaut. Das war für einen Dirigenten der beste Platz. Man achtet darauf, wie der Dirigent die Einsätze gibt oder bei Gergiev, wie er eben keine Einsätze gibt.

Das ist das Magische bei ihm. Er verkörpert die Musik, ist ein unglaublicher Maestro und Musiker. Aber er macht es so, dass das Orchester es als Kollektiv umsetzt, ohne dass er als Schiedsrichter zeigt, wo es langgeht. Natürlich weiß er, wo es langgeht, aber er zeigt es nicht direkt. Ich habe ihn erstmals live erlebt – und das war schon sehr besonders.

Sie sind seit 1. Oktober nun Chefdirigent beim Bundespolizeiorchester in München. Bevor wir darauf zu sprechen kommen: Was haben Sie vorher gemacht?

Ich habe vorher in den Niederlanden Laienorchester dirigiert. Ich mache das seit etwa zehn Jahren. 2005 habe ich angefangen. 2006 habe ich meinen Abschluss als Oboist in Maastricht gemacht und habe in der Zeit auch schon ein wenig dirigiert. Ab 2007 habe ich dann Dirigat in Den Haag studiert und das Studium 2011 abgeschlossen.

Ich habe dann immer mehr dirigiert, auch bessere und größere Orchester. Wobei das "besser" und "größer" ja nichts mit dem Dirigat an sich zu tun hat. Ich habe in der Zeit gemerkt, dass es für einen Dirigenten wichtig ist, sich ein Orchester zu suchen, das zu ihm passt. Und die Orchester, die zu mir passen, sind die Orchester, in denen die Laune gut ist und der Wille da ist, zu arbeiten.

Ich dirigiere heute immer noch ein Orchester in Holland, die Harmonie St. Caecilia Nieuwenhagen aus Landgraaf. Den Schritt zum professionellen Orchester habe ich vor zwei Jahren gewagt. Da habe ich beim Bundespolizeiorchester Hannover ein Projekt geleitet. Im März 2016 habe ich mich dann auf die Stelle in München beworben. Und jetzt sitzen wir hier.

Es ist auf einmal alles anders. Ich habe meine Wurzeln in Kerkrade. Ich musste mich leider von zwei tollen Musikvereinen dort verabschieden, weil sich das natürlich nicht mit einem Vollzeitjob in München vereinbaren lässt.

Seit zehn Jahren Laienorchester und nun die Profis: Ist der entscheidende Unterschied zwischen Profis und Amateuren der, dass die Profis Geld mit der Musik verdienen und die Amateure es aus Spaß machen?

Das eine muss das andere nicht ausschließen. Das Wichtigste für einen Dirigenten ist, dass er inspiriert. Es ist vollkommen egal, ob er vor einem Jugendorchester steht, einem guten Laienorchester, einem Profiorchester oder vor den Münchner Philharmonikern. Natürlich gibt es Unterschiede. Profis müssen reinkommen und müssen ihren Dienst machen. Aber das sollte nicht bedeuten, dass sie keinen Spaß an der Arbeit haben.

Dass man etwas machen muss, muss ja nicht zwangsläufig bedeuten, dass es weniger befriedigend oder inspirierend ist. Es ist natürlich meine Aufgabe als Dirigent, gerade wenn ich tagtäglich mit den Musikern zu tun habe, mich selbst auch immer wieder neu zu erfinden und inspirierend zu bleiben. Nach den drei Monaten ist es leicht zu sagen: Es läuft gut hier in München. Aber es wird sicher schwieriger, denn ich muss mich selbst stets weiterentwickeln.

Wie haben Sie in München angefangen? Das Orchester kannte Sie nicht, Sie kannten das Orchester nicht.

Im Probedirigat habe ich das Orchester tatsächlich zum ersten Mal gehört. Im Juni war das. Ich hatte eine halbe Stunde und musste drei Stücke erarbeiten, die jeweils etwa zehn Minuten dauerten. Ich hatte also unheimlich wenig Zeit. Und ich darf gestehen: Ich habe vom Probedirigat alles vergessen. Man kann sich das ja vorstellen: Es war eine sehr stressige Situation. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie gut das Orchester war. Es muss gut gewesen sein. (lacht)

Danach musste ich mir dann Gedanken machen, wie ich im Oktober anfange. Ich musste versuchen, das Orchester einzuschätzen. Auch das Publikum hat Erwartungen, und Konzerte müssen dementsprechend gestaltet werden. Bevor ich angefangen habe, musste ich mir überlegen, was in den paar Proben bis zum ersten Konzert machbar ist. Ich musste das auch nach Gefühl planen, weil ich das Orchester eben noch nicht kannte. Ich glaube, es hat ganz gut gepasst. Wenn man neu ist, engagieren sich die Musiker natürlich auch noch mal ein bisschen mehr.

Haben Sie eine bestimmte Philosophie, wie Sie an die Sache herangehen?

Philosophie in dem Sinne, dass das Blasorchester ein wunderbares Medium ist. Wir müssen sehr vielseitig sein. Es wird von uns verlangt, dass wir originale Blasmusik spielen. Wir müssen Märsche spielen, wir müssen leichte Musik spielen und wir müssen sinfonische Bearbeitungen spielen. Unser Orchester muss irgendwie alles können – und das ist nicht unbedingt einfach.

Wenn man gute Musik sucht, geht es um viele Aspekte. Bei Transkriptionen geht es zum Beispiel darum, ob das handwerklich gut gemacht ist. Sind es gute Noten? Sind die fürs Publikum gut? Und natürlich spielt die Komponente eine Rolle, ob die Musik für das Orchester gut ist. Ich brauche gute Noten, ein gutes Programm und dann muss ich als Dirigent jedes Stück in der Essenz analysieren. Ich brauche die konkrete Klangvorstellung.

Mussten Sie hier in München Überzeugungsarbeit leisten oder sind Sie auf offene Ohren gestoßen?

Ehrlich gesagt hatte ich da keine Probleme. Ich habe so programmiert, wie ich das mit meinem Hintergrund kenne und womit ich vertraut war. Ich komme aus Holland, 650 Kilometer weit weg, kenne die Arbeit mit einem professionellen Orchester noch nicht sehr gut und auch das Bundespolizeiorchester nicht. Ich habe also die Musik mitgebracht, von der ich glaube, dass sie Auswirkungen auf das Orchester und das Publikum hat und dass sie sich in einem Programm gut zu einem Ganzen gestalten lässt.

Die Musik war mein Halt – der einzige Halt, den ich hatte. Aber ich glaube, das ist gut angekommen. Erfahrungsgemäß ist Musik, die in Holland gut ankommt, auch in Deutschland beliebt. Deutsche und Holländer sind sich ja kulturell auch recht ähnlich – vor allem, was die Blasmusik angeht. Die Gegend um Kerkrade ist ja sehr blasmusikbegeistert und in der Hinsicht vergleichbar mit Bayern. Die gewissen Unterschiede, die es ja durchaus gibt, machen dann das i-Tüpfelchen aus. Das ist spannend!

Also wurde noch kein holländischer Komponist abgelehnt?

Nein, nein. Jacob de Haan kennt man ja auch hier. (lacht) Und viele Komponisten wie Alfred Reed etwa sind ja international. Da ist die Blasmusikwelt wieder relativ klein. Die guten Noten bleiben. Wer weiß, wie es in hundert Jahren aussieht? Da wissen wir vielleicht, welche Werke zum "Klassiker" taugen. Alfred Reeds "4. Sinfonie" wird es immer noch geben.

Sie erwähnen Reed. Wer sonst hat das Zeug zum "Klassiker"? Und welche "echten Klassiker" gehören mit dem Blasorchester gespielt?

Ich möchte die zweite Frage zuerst beantworten: Was ich bei Transkriptionen wichtig finde, ist, dass die musikalische Botschaft, wie sie vom Komponisten gedacht ist, erhalten bleibt. Wenn ich mit dem Akkordeonorchester ein Stück von Richard Wagner spiele – und das funktioniert: Wer sagt, dass man das nicht darf? Ob es funktioniert, ist natürlich äußerst subjektiv.

Ich finde, mit dem Blasorchester funktionieren die Dinge gut, die in der Instrumentation bläser- oder orgellastig sind. Manche Dinge funktionieren, weil sie in der Instrumentation eine bestimmte Breite haben. Ich mag zum Beispiel keine Mozartouvertüren mit dem Blasorchester spielen. Eine "Così fan tutte" oder eine "Zauberflöte" mit einem Blasorchester – das ist für mich zu weit weg von dem, wie ich mir Mozart vorstelle.

Bestimmte Arien oder ein Klarinettenkonzert können in kleiner Besetzung durchaus schmackhaft sein. Da fehlen dann auch keine Streicher. Wir haben kürzlich "Belkis, Regina di Saba" von Ottorino Respighi gemacht. Diese Tondichtungen vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts oder auch ab der Romantik funktionieren sehr gut. Aber die 3. Sinfonie von Beethoven, Haydn, Mozart? Würde ich nicht machen…

Und Teil eins der Frage?

Das ist nicht so leicht. Das wird die Zeit zeigen. Wir haben einfach die Geschichte noch nicht. Alfred Reed ist ja erst 2005 gestorben. Aber es gibt etwa "Dionysiaques" von Florent Schmitt, oder "Rites" von Jean Absil. Es gibt die Klassiker. Leider ist viel Literatur der neuen Blasmusik heutzutage zu sehr im gleichen "Format" konzipiert. Es gibt viel Schlagzeug, immer Perioden von vier Takten plus vier Takte, acht plus acht und so weiter. Dann kommt irgendwann mal ein ⁶/₈-Takt und ein langsamer Mittelteil und am Ende wird es wieder schnell.

Harmonisch ist es auch häufig sehr arm an Kreativität. Es gibt eine Art "Standardrezeptur" für ein Blasmusikwerk. Das kommt einer musikalischen Verarmung gleich. Im Laienbereich spielt natürlich immer die Schwierigkeitsstufe eine Rolle. Wie schwer darf das Stück sein? Welche Instrumentation darf ich überhaupt programmieren? Darf ich in einem Mittelstufenstück Bassklarinette und Piccolo zusammen ein Solo spielen lassen? Vermutlich gibt es gar keine Bassklarinette. Und wenn, dann nicht als Melodieinstrument.

Ein Blasmusikkomponist muss sich heutzutage auch immer Gedanken darüber machen – leider –, wer dieses Stück im Endeffekt spielen und anhören wird. Das verschafft ihm natürlich keine unlimitierte Freiheit. Darüber hat sich Florent Schmitt bei "Dionysiaques" keine Gedanken gemacht. Der hat einfach geschrieben. Der Holländer Ed de Boer macht das heute auch. Der schreibt einfach so, wie er denkt, dass er die Musik konzipieren muss. Dass im Endeffekt zu wenige Orchester seine Musik spielen, ist schade. Aber leider auch verständlich.

Diese genannten Einschränkungen haben Sie aber hier in München nicht, oder?

Nein, das stimmt. Die technischen Einschränkungen fallen weg. Man muss davon ausgehen, dass ein Profiorchester alles spielen kann. Die Frage ist aber trotzdem, was das Orchester und das Publikum braucht. Wenn ich der Meinung bin, dass das Publikum diese Musik braucht, muss der Kontext stimmen. Es kann immer passieren, dass am Ende eines Konzerts mit vier komplexeren Stücken ein Zuhörer kommt, der gerne noch einen Marsch gehabt hätte. Ich muss dementsprechend programmieren.

Das Orchester ist dafür da, gute Kontakte zur Bevölkerung zu pflegen. Wir spielen fast immer für einen guten Zweck. In die Konzerte kommen Menschen, die einfach einen schönen Abend erleben wollen. Und die haben eine bestimmte Erwartung. Natürlich kann ich mal ein "schweres" Stück nehmen, aber dann muss ich es gut verpacken. Man muss sein Publikum mitnehmen und auch fordern. Ich gehe ja auch nicht jeden Tag zu McDonalds. Das kann mal sehr lecker sein – aber sicher nicht dauernd.

Ich suche ständig nach neuen Geschmacksrichtungen. Ich muss dahin kommen, dass ich zum Beispiel sage: "Hey, ich habe hier dieses Stück eines Schweizers. Das kennt zwar keiner, aber das will ich jetzt präsentieren!" Ich darf das Publikum fordern, aber ich muss es auch ernst nehmen. Und ich gebe zu: Mit dem Marsch am Schluss kann man viel wiedergutmachen. (lacht)

Sie werden im Februar 34. Sie sind für einen Dirigenten eines Profiorchesters – mit Verlaub – noch sehr jung. War das mal ein Problem oder hat das Alter nie eine Rolle gespielt?

Ich kann natürlich nur die vergangenen drei Monate beurteilen – aber ich empfinde es nicht als Problem. Ich glaube, es geht darum, gute Arbeit zu machen. Dirigieren ist unheimlich schwer, sodass ich jeden Tag darüber nachdenke. Ich muss jeden Tag reflektieren, ob das, was ich mache, gut ist. Kann ich es besser machen? Wie kommt es an? Dabei geht es nicht nur um das "Taktieren" oder die Kommunikation mit meinem Gesicht, meinem Körper, meinen Armen.

Vor allem das Zwischenmenschliche ist sehr komplex. Ich bin verpflichtet, ständig darüber nachzudenken. Ich bin zwar erst 33, aber ich mache das jetzt schon zehn Jahre. Seit zehn Jahren denke ich nur darüber nach, wie "es" funktioniert. Und ich kapiere es immer noch nicht. Das klingt zwar scherzhaft – ist aber wirklich ernst gemeint. Ich brauche diese Grundhaltung. Ich will und kann mich nicht mit 33 Jahren – und das kann ich auch mit 63 noch nicht – da vorne hinstellen und sagen: "Ich bin der Maestro und ich weiß, wie es geht!" Denn so ist es nicht. Die Musiker produzieren den Ton.

"Ein Dirigent lernt nie aus" ist also keine Floskel.

Es ist tatsächlich so. Jeder Mensch muss für sich bestimmen, wie hungrig er sein will. Das betrifft nicht nur Dirigenten. Talent ist wichtig, wird aber durchaus überschätzt. Harte Arbeit wird unterschätzt. Ich muss mich damit beschäftigen. Und dabei spielt das Alter nicht wirklich eine Rolle. Ich muss vermitteln, dass ich zwar nicht alles weiß, aber dass ich darüber nachgedacht habe. Das ist meine Verpflichtung.

Ist das etwas, was Sie von Ihren Lehrern und Professoren mit auf den Weg bekommen haben?

Es gibt Lehrer, die sagen, bei ihnen bekäme man die Weisheit. Aber die bekommt man nirgends. Man bekommt immer nur eine Interpretation der Wahrheit. Mein Lehrer meinte: "Fülle deinen Rucksack mit dem was du brauchst. Schau dir alles kritisch an. Was du nicht brauchst, lass weg." Der Gedanke ist wunderbar. Es geht um das lebenslange Lernen und Reflektieren der eigenen Arbeit und der des anderen.

Wenn ich eins zu eins kopiere, was mir ein wunderbarer Dirigent zeigt, heißt das noch lange nicht, dass das bei mir funktioniert. Ist es für mich die richtige Sprache? Dirigieren lernen ist eine Entdeckungsreise. Ich muss diese Reise machen! Am Anfang muss man natürlich viel ausprobieren und hinnehmen. Ich urteile nicht, bevor ich Erfahrungen habe. Kritisch bleiben aber sollte man immer. Wenn ich etwas von vornherein als Wahrheit hinnehme, begrenze ich mich ja selbst.

Ist es ihr Ziel, diese Sichtweise als Lehrer auch an andere Dirigenten weiterzugeben?

Ich mache dies schon und möchte das auch weiter ausbauen. Ich stehe mit dem Bayerischen Blasmusikverband in Kontakt. Ich bin zwar jung, aber ich gehe diesen Weg seit zehn Jahren. Es geht nicht nur darum, was man kann. Die richtige Einstellung gehört dazu, gerade im zwischenmenschlichen Bereich.

Wie gehe ich mit einem Orchester um? Das ist ein sehr komplexes Thema. Das ist wie ein Sturm in meinem Kopf. Alles ist ständig in Bewegung und wird hinterfragt. Das, was gestern in der Probe funktionierte, funktioniert vielleicht morgen nicht mehr. Flexibilität ist das Schlüsselwort und offen sein für das Lernen.

Ein neues Jahr bringt auch immer neue Vorsätze mit sich: Was nehmen Sie sich für 2017 vor?

Ich habe gemerkt, dass es hier viel Arbeit gibt. Und dass diese Arbeit viel bringt. Für 2017 möchte ich vor allem die Verbindungen mit dem Orchester nach draußen aufbauen. Das Orchester darf sich ruhig mehr zeigen. Wir werden uns organisatorisch entwickeln und verbessern, wir werden unsere Internetpräsenz stärken. Die Leute sollen wissen, was wir machen. Wir werden mit dem Blasmusikverband zusammenarbeiten, weil wir die Verbindung zu den Laienmusikern wollen. Wir wollen unsere Arbeit gut machen – und das auch zeigen!

Dann noch eine persönliche Frage: Sie haben bei einer guten Fee drei Wünsche frei – welche wären das?

Ein Helikopter zwischen Kerkrade und München wäre gut. (lacht) Aber im Ernst: Da will ich mich gar nicht beklagen. Ich bin wirklich froh und glücklich. Ich möchte so weitermachen. Es gibt noch viel zu tun und ich wünsche mir, dass wir das gemeinsam schaffen.

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