Jazz als Leistungssport - Die Kritik am Film »Whiplash«

Lässt sich Jazz, die kreativste aller Musikpraktiken, überhaupt unterrichten? Ist schulische Disziplin womöglich kontraproduktiv für die Entwicklung von Kreativität? – Der Kinofilm »Whiplash« (2014) gab dieser Diskussion einige neue Facetten.

Kreativität folgt keinen Gesetzen

Eines der angesehensten Konservatorien der USA ist die Juilliard School in New York. Sie entstand 1926 aus der Fusion zweier Musikakademien und mithilfe des finanziellen Nachlasses von Augustus Juilliard, einem Geschäftsmann und Kulturförderer. In den 1980er Jahren soll die Juilliard School damit geworben haben, dass bei ihr einst auch Jazz-Größen wie Thelonious Monk und Miles Davis studiert hätten – der frühe moderne Jazz war gerade zu neuem Ansehen gekommen.

Tatsächlich aber hatte Monk nur kurzzeitig externen Unterricht von einem Klavierlehrer erhalten, der auch an der Juilliard arbeitete. Miles Davis hatte zwar die Aufnahmeprüfung dort bestanden, das Studium aber lediglich als kurzzeitiges »Tarnmanöver« benutzt, damit sein Vater ihn nach New York ließ. Beide, Thelonious Monk und Miles Davis, hinterließen gewaltige Spuren im Jazz – durch ihre Originalität, die nicht gerade akademischen Vorgaben entsprach.

Hätten sie tatsächlich am klassischen Konservatorium studiert, wären weder sie noch ihre Lehrer damit glücklich geworden. Im schlimmsten Fall hätten die beiden Talente die Lust an der Musik verloren – und die Jazzwelt wäre um zwei große, prägende Künstler ärmer. Denn Kreativität folgt keinen Gesetzen. Wer originell sein will, muss gegen Konventionen und die Lehren der Konservatorien verstoßen und etwas Eigenes auf die Beine stellen – das ist die Definition von Originalität.

Für die Kreativen ist disziplinierte Leistung – zum Beispiel am Instrument, im Zusammenspiel, beim Üben selbst – eine gute Grundlage, aber sicherlich keine hinreichende und oft keine notwendige. Um künstlerisch kreativ zu sein, muss man einen Schritt weiter – oder zur Seite – gehen, dem inneren Drang folgend. Dieser Drang lässt sich weder lehren noch üben.

Bigband-Terror

Im Jahr 2014 kam der amerikanische Spielfilm »Whiplash« in die Kinos. Er war ein großer Erfolg, spielte mindestens das 15-fache seiner Kosten ein und wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit drei Oscars. Damien Chazelle, der Regisseur, verarbeitet in seinem Film, der in der Gegenwart spielt, eigene Erfahrungen aus seiner Zeit an der Highschool.

»Whiplash« erzählt von Andrew, einem jungen Schlagzeug-Studenten, und von dessen Bigband-Lehrer am Jazzcollege. Die Beziehung zwischen den beiden entwickelt sich zum Psycho-Krieg. Der Band-Lehrer schikaniert und quält Andrew, um ihn zu Höchstleistungen anzustacheln. Der ehrgeizige Schlagzeuger lässt sich manipulieren, bis es ihm zu viel wird und er im Wortsinn zurückschlägt.

Andrew wird von der Schule ausgeschlossen, sorgt aber mit einer anonymen Aussage dafür, dass auch der Lehrer gefeuert wird. Damit ist die Sache jedoch nicht beendet. Die beiden treffen noch einmal aufeinander, und das Ende legt nahe, der Psycho-Terror des Lehrers könnte eine erfolgreiche didaktische Methode sein.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas »Kreativität vs. Disziplin: Einheit oder Widerspruch?«:

  • 04.06.2018
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 6/2018
  • Seite 32-33

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