Ist Musik eine Sprache?

Der Philosoph Immanuel Kant nannte sie die »Sprache der Affekte«, der Komponist Gustav Mahler die »Sprache der Leidenschaft«. Für den Historiker Thomas Carlyle war Musik die »Sprache der Engel«. Fragt sich nur, ob Musik überhaupt eine Sprache ist.

Musik erreicht und berührt uns. Sie scheint uns Mitteilungen zu machen, Geschichten zu erzählen. Ihr Fortgang fesselt unsere Aufmerksamkeit und bewegt unsere Gefühle. Musik wird deshalb häufig als eine Art Sprache verstanden, die ganz ohne Worte auskommt.

Die Romantiker sahen in ihr eine »Sprache jenseits der Sprachen«, die den Worten überlegen sei und sich direkt an die Seele wende. Andere verstanden sie als die allgemeine Sprache, die von allen Menschen gleichermaßen verstanden werde: die »gemeinsame Sprache der Menschheit« (Longfellow) oder die »Weltsprache« (Auerbach).

Musik als Kommunikationssystem

Zweifellos ist Musik ein System, durch das wir in vielfältiger Weise miteinander kommunizieren. Aber ist sie eine Sprache? Sprachen sind unter anderem gekennzeichnet durch Worte, die man in andere Sprachen übersetzen kann.

Eine Mahler-Sinfonie mag man mit einem Roman vergleichen, aber eine Sinfonie ist nicht übersetzbar. Es gibt kein Wörterbuch, in dem man die semantische Bedeutung musikalischer Phrasen oder Themen nachschlagen könnte. Es gibt kein Lexikon »Musik – Deutsch / Deutsch – Musik«.

Denn Musik besitzt keine Zeichen, die für sich allein oder im Zusammenhang etwas bedeuten. Sie hat keine Begriffe. Sie kennt keine Substantive oder Prädikate. Sie macht keine Aussagen. Sie spricht nicht von Dingen.

Musik und Gefühl

Wovon aber handelt Musik? Viele glauben: von Gefühlen. Der Philosoph C.F. Michaelis meinte: »Musik ist die Kunst des Ausdrucks von Empfindungen durch Modulation der Töne.« Der Komponist Gottfried Weber schrieb: »Die Tonkunst ist die Kunst, durch Töne Empfindungen auszudrücken.« Der Musiktheoretiker J. Ph. Kirnberger behauptete: »Ein melodischer Satz (Thema) ist ein verständlicher Satz aus der Sprache der Empfindung, der einen empfindsamen Zuhörer die Gemütslage, die ihn hervorgebracht hat, fühlen lässt.«

Ganz anderer Meinung war da der Musikkritiker Eduard Hanslick, der diese und viele ähnliche Zitate zusammengetragen hat. Er war überzeugt davon, dass Musik gar nicht in der Lage sei, bestimmte Gefühle verlässlich auszudrücken oder zu vermitteln.

»In manchem Augenblick regt uns ein Musikstück zu Tränen auf, ein andermal lässt es kalt, und tausend äußere Verschiedenheiten können hinreichen, dessen Wirkung tausendfach zu verändern oder zu annullieren. Der Zusammenhang musikalischer Werke mit gewissen Stimmungen besteht nicht immer, überall, notwendig, als ein absolut Zwingendes.«

  • 11.10.2018
  • Praxis
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 10/2018
  • Seite 16-17

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