Improvisation - (2) Komponieren ohne Notenblatt

In der ersten Folge dieser vierteiligen Serie (siehe CLARINO Juli/August 2012) wurde als erster Schritt zur Improvisation angeregt, eine Melodie nicht vom Notenblatt abzulesen, sondern sie auswendig zu spielen.

1. Schritt zur Improvisation: Die Melodie auswendig spielen

Als praktische Übung dafür wurden Sie eingeladen, die traditionelle Jazzmelodie »When the Saints go marchin’ in« dafür zu verwenden. Wenn Sie diese Melodie mehrmals in allen zwölf Tonarten auswendig gespielt hatten, machten Sie wahrscheinlich eine reizvolle Erfahrung: Ihr Denken und Ihre Emotionen zur Komposition veränderten sich!

Begann man beim ersten Durchspielen vielleicht noch mit über 30 Einzelnoten im Kopf, so wurden diese nach einiger Übungszeit wie von selbst von unserem Gehirn in Gruppen zusammengefasst und verinnerlicht. Wie hat man sich das vorzustellen?

Eine Erklärung dafür ist, dass es beim Musiklernen zu einer sogenannten »figuralen« Repräsentation im Gehirn kommt, die die physische Erfahrung des Musizierens aufbewahrt. Diese gerinnt irgendwann zu einer »formalen« Repräsentation, die das Gelernte als ganzheitliche Vorstellung symbolisiert (zum Beispiel die Vorstellung eines Dreiklangs) und jederzeit wieder in die musikalische Handlung zurückübersetzt werden kann. Der Dreiklang in seiner formalen Repräsentation wird also viel tiefer im musikalischen Bewusstsein ver­ankert als der musiktheoretische Begriff des Dreiklangs, den man als Element »deklarativen Wissens« in der Musiktheorie-Stunde kennengelernt hat.

  • 23.08.2012
  • Praxis
  • Jürgen K. Groh
  • Ausgabe: 9/2012
  • Seite 14-16

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