"Ich bin ein staunendes Kind" - Jörg Widmann im Interview

»Das Spielen macht mir mehr Freude denn je«, erzählt Jörg Widmann am ­Morgen nach dem Auftritt mit den Bam­berger ­Symphonikern. Und das war unüberseh- und hörbar. Obwohl der Klarinettist und Komponist am Tag des Konzerts noch beim Zahnarzt war. »Ich hatte furchtbare Zahnschmerzen. Mit Tabletten aber wollte ich nicht spielen, ich wollte den Kopf frei ­haben...« Das Publikum war begeistert.

Vor über zehn Jahren, in der Dezember-Ausgabe des Jahres 2003, erschien ein Porträt über Sie. Dort werden Sie zitiert mit: »Es mag für eine Minderheit sein, was ich mache, aber es entspricht meiner Überzeugung.« Würden Sie bestätigen, dass diese Minderheit im Vergleich zu damals wesentlich größer geworden ist?

Jörg Widmann (lacht): Das ist eine sehr gute Frage. Es ist ja eher so, dass wir heute in den aktuellen kulturpolitischen Diskus­sion oft in diese Ecke gedrängt werden: Das sei ja nur für eine Minderheit... Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Satz heute noch so sagen würde, aber die Minderheit, ja, ist sicher größer geworden. 

Beim damaligen Interview waren Sie gerade 30 geworden. Wenn Sie kurz zurückblicken: Was hat sich verändert?

Ich kann es am Spielen selbst festmachen. Ich bin vom Typus eher jemand, der sich immer, von frühester Jugend an, lustvoll verausgabt hat. Das reicht einem irgendwann nicht mehr. Charles-Pierre Baudelaire hat es schön gesagt: »Ab einem bestimmten Alter muss an die Stelle des Sich-Verschleuderns etwas anderes treten.« Und zwar die »Reife« oder die »Tiefe«. Um die Zeit damals herum habe ich der Spontaneität und dem Mich-Verausgaben misstraut. Ist damit etwas unwiederbringlich verloren? Steht das Neue wirklich dafür? Ich bin wohl von meinem Wesen her immer noch musikantisch, spielerisch, lustvoll – doch ich probiere heute im Weber-Konzert oder im Brahms-Quintett den ganzen Bogen zu spannen und möchte nicht schon nach dem ersten Satz in den Seilen hängen.

  • 16.12.2014
  • Szene
  • Ausgabe: 1/2015
  • Seite 42-45

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