Herb Alpert - Ruhelos, rastlos, zeitlos

Klar, es ist ein paar Tage her, dass Songs wie »Tijuana Taxi«, »Spanish Flea«, »A Taste of Honey« oder »This Guy’s in Love with You« in den Hitparaden die vordersten Plätze belegten. Diese Songs kennt man und doch kommt man vielleicht nicht sofort auf den Interpreten. Die Auflösung: Herb Alpert! Und alle so: Ja, klar! Dieser Tage erscheinen das nagelneue Album des Kultmusikers sowie 25 wieder aufgelegte »klassische« Alben.

Es erspinnt sich am Esszimmertisch ein Gespräch zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn. Soll ja vorkommen. Diesmal geht’s eben um Musik und die große Frage: Beatles oder Rolling Stones? Eine Frage, die man aus der Schwiegersohnsicht eigentlich überhaupt nicht diskutieren braucht. Ohne die Beatles wäre die Musikwelt eine andere. Punkt.

Dass es da noch eine dritte Kraft geben könnte? Nicht vorgesehen. »Über Herb Alpert musst du mal was machen«, sagt der Schwiegervater. »Dem konnte ich immer mehr abgewinnen als den Beatles!« Nun, was macht man nicht alles um des Familienfriedens Willen? Man denkt sich »Lebt der noch?« und sich eben schnell eine halbgare »Was-macht-eigentlich«-Geschichte aus.

Mitten in die pflichtbewusste Recherche rauscht eine E-Mail, die die Frage »Lebt der noch?« schreiend mit »Und wie!« beantwortet. Die Post trägt die Überschrift »Neuauflage des Katalogs & neues Album ›Human Nature‹«. Unglaublich. Und: »Mr. Alpert steht für Interviews in Los Angeles zur Verfügung!« Kann man machen. Muss man machen.

Eine Legende: Herb Alpert

Dann hat man ihn tatsächlich am Telefon. »Hi Klaus, this is Herb Alpert!« Man schluckt, denn auf der anderen Seite der Leitung sitzt ja doch nicht irgendjemand. Herb Alpert ist, selbst wenn man seine Musik nicht unumwunden gut finden sollte, nachweislich einer der ganz Großen des Showgeschäfts. Herb Alpert war Stammgast der amerikanischen Billboard-Charts, er gehört zum Inventar Hollywoods. Er wurde in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, Barack Obama hängte ihm die National Medal of Arts um und er räumte sage und schreibe 9 (in Worten: NEUN!) Grammys ab. Kurzum: Herb Alpert ist eine lebende Legende.

Dass Herb Alpert nicht in die »Was-macht-eigentlich«-Schublade passt, erkennt man daran, wie produktiv und erfolgreich er auch heute mit 81 Jahren noch immer ist. Er bringt nahezu jedes Jahr ein eigenes Album heraus und seinen letzten – nein, seinen bislang letzten – Grammy gab es 2013 für »Steppin’ Out«.

Bei diesen Erfolgen – zu seinen eigenen kommen noch die seiner Frau Lani Hall (Interpetin des James-Bond-Titelsongs aus »Sag niemals nie«, »Never say never again«) sowie die der in der Vergangenheit bei seinem Label unter Vertrag stehenden Künstler (etwa Bryan Adams, Cat Stevens, The Police) – kann man schon mal den Überblick verlieren.

Auszeichnungen en masse

Beim Telefonat stellt man sich den 81-Jährige in seinem Büro in Los Angeles sitzend vor. Am besten in einem Ohrensessel, umgeben von zig Platin- und Gold-Alben und eben den neun goldglänzenden Grammofonskulpturen. »Wann ich die das letzte Mal poliert habe?«, fragt er lachend. »Daran habe ich noch nie gedacht. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wo die alle gerade sind…«

Herb Alperts Gefühle dem Grammy Award gegenüber sind leicht ambivalent. Nie war es sein Ziel, einen solchen zu gewinnen. Natürlich ist es »eine Ehre, einen Grammy zu bekommen. Aber das sind wirklich keine Dinge, auf die ich mich konzentriere. Es gibt einen Haufen Künstler, die einen verdienen würden, aber noch nie einen gewonnen haben.«

Einen Grammy bekommt man – oder eben nicht. Er freue sich, wenn es passiert, »aber ich denke eigentlich eher daran, was ich als nächstes tun kann und nicht daran, was ich hinter mir habe.«

  • 30.09.2016
  • Szene
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 10/2016
  • Seite 38-41

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