hans ludwig schilling - motivischer witz und melodischer esprit in der neuen musik

Haben die vereinigten Hörschulen-Lehrer aller Zeiten uns nicht immer wieder gepredigt, was es alles mit dem Musikhören auf sich hat? Die Inhaltsverzeichnisse ihrer Bücher sind voll von in saubere Kapitelgliederung gebundene Erklärungsthemen: Instrumente, Formen, Gattungen, Harmonielehre, Tonsysteme, Metrik und Rhythmik . . . Und wenn’s dann auch noch um Musik unserer Zeit geht, schließen sich weitere an: Kompositionstechniken, die Philosophie dahinter, die (musik)geschichtlichen Hintergründe, die materialen und sprachlichen Prinzipien der Neuen Musik. Denn erst mit der Neuen Musik geht es ja so richtig los mit der Musik als unbekanntem Wesen: Impressionismus, Expressionismus, erweiterte Tonalität, Atonalität . . . Die Neue Musik scheint nun einmal eine sehr komplexe Sache, und wer einsteigen will, bedarf eines gewissen Informations- und Wissensgrundstocks. Oder doch nicht? Mittendrin im ernsthaften Musikgeschehen unserer Zeit taucht plötzlich einer auf, für den das alles scheinbar nicht gilt: Hans Ludwig Schilling.

Schilling ist ein Komponist des 20. Jahrhunderts, der sich motivischen Witz und melodischen Esprit, harmonische Originalität, satztechnische Feinsinnigkeit und formale Anlehnungen leistet, um sie in eigene Sprache zu gießen. Eine Sprache – und das ist das Besondere –, die kaum all der oben erwähnten Hörhilfen bedarf. Eine Sprache, die schon gar nicht ingeniöse Musikkriminalistik verlangt, sondern nicht mehr als schlicht und einfach Hinhören und Genießen. Denn das ist das Wichtige, das Aufmerksamkeit Erregende an seiner Musik: sie bleibt immer sinnlich erfahrbar.

 

  • 21.09.2011
  • Sinfonisch
  • Wolfgang G. P. Heins
  • Ausgabe: 5/2004
  • Seite 12-14

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