Grenzen der Musikvermittlung

Foto: Christian Mayr

Musikvermittlung nimmt im Musikleben überhand. Zu selten wird die Frage gestellt, wo Musikvermittlung ihre Fehler und Grenzen hat.

Die einen sagen: Musik ist universell verständlich, sie erklärt sich von selbst. Denn Musik ergreift uns ja über die Melodie, fasziniert uns durch ihre Struktur, sie packt uns mit ihren Rhythmen und fesselt uns durch ihren Fortgang. Musik muss nicht in Worte übersetzt werden. Die anderen sagen: Nicht jede Musik erklärt sich gleich von selbst. Musik ist keineswegs eine universelle Sprache. Manche Musik muss den Hörern erschlossen und nahegebracht werden.

Zu mancher Musik müssen erst Brücken gebaut und Hilfestellungen gereicht werden. Vor allem gilt dies bei einem jungen, unerfahrenen Publikum oder bei Musik aus einem anderen Kulturkreis. Manche Musik wird verständlich erst durch ein Paket an vermittelnden Informationen.

Musikvermittlung gestern und heute

Musikvermittler gab es schon immer. Musiker zum Beispiel moderieren ihre Stücke, machen Bühnenansagen, stellen Themenprogramme zusammen und wollen so ihre Musik dem Publikum näherbringen. Musikwissenschaftler und Musikjournalisten schreiben erklärend oder kritisch über Stücke, Musiker und Aufführungen, veröffentlichen Werkanalysen und Biografien. Veranstalter lassen Programmhefte drucken, finden Konzertüberschriften und Festivalmottos.

Musikverleger geben neuen Kompositionen griffige, anschauliche Titel wie »Türkischer Marsch«, »Schicksalssinfonie« oder »Clair de Lune«. Komponisten schreiben spezielle Werke, die Kinder mit den Orchesterinstrumenten vertraut machen sollen, etwa Prokofjews »Peter und der Wolf« oder Brittens »The Young Person’s Guide to the Orchestra«.

Leonard Bernstein

1958 begann Leonard Bernstein seine liebevoll moderierten »Young People’s Concerts«, die jahrelang in Rundfunk und Fernsehen übertragen wurden. Bernstein besaß »ein überragendes Talent als Musikvermittler«, schreibt der Musikredakteur Juan Martin Koch. »Was sich wie ein aus dem Ärmel geschütteltes Plaudern anhört, ist wohlüberlegt.« Seine Texte testete Bernstein vorab mit den eigenen Kindern.

  • 18.06.2019
  • Praxis
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 4/2019
  • Seite 12-13

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