Geschlechterkampf: Warum gibt es so wenige Komponistinnen?

  • 26.04.2018
  • Schwerpunktthema
  • Cornelia Härtl
  • Ausgabe: 5/2018
  • Seite 38-39

Fanny Hensel und Clara Schumann – diese Namen fallen den meisten wohl als erstes ein, wenn sie nach Komponistinnen gefragt werden. Schwieriger ist dann schon die Frage nach zeit­genössischen Komponistinnen zu beantworten. Und ziemlich ratlose Blicke erntet man leider, wenn man nach Blasorchesterwerken von einer Frau fragt. Höchste Zeit, das zu ändern!

Zu schwach zum Komponieren?

Lange Zeit wurde Frauen die Fähigkeit zu komponieren schlichtweg abgesprochen. Sie seien zu schwach und den körperlichen Anstrengungen, die das Komponieren erfordere, nicht gewachsen. »Wenn sie komponieren könnten, wären sie ja verlegt worden. Und da sie nicht verlegt worden sind, können sie auch nicht komponieren«, lautete ein Vorurteil, mit dem Renate Matthei, Gründerin des Furore Verlags, vor über 30 Jahren konfrontiert wurde.

Seit 1986 leistet der Verlag aus Kassel wahre Pionierarbeit auf diesem Gebiet und hat sämtliche Vorurteile überzeugend widerlegt. Über 2500 Werke von etwa 170 musikschaffenden Frauen aus Europa, Amerika, Asien und Australien sind hier bislang erschienen. Etwa 50 davon sind zeitgenössisch.

Die Zeitspanne reicht vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das Repertoire reicht vom Lied über kammermusikalische Besetzungen bis hin zu großen Orchester- und Bühnenwerken. Nach wie vor ist Furore weltweit der einzige Musik­verlag, der exklusiv Noten und Bücher von und über Komponistinnen im Programm hat.

Ein Verlag nur für Frauen

Verlagsgründerin Renate Matthei hat mit ihrem Schaffen die oft übersehene Arbeit von Komponistinnen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dafür und für ihren Einsatz für die Komponistinnen weltweit wurde sie 2012 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Während in der Zeit der Verlagsgründung  der Anteil der aufgeführten Werke von Komponistinnen bei 0 bis 1 Prozent lag, so liegt er 33 Jahre später immerhin schon bei 4 bis 6 Prozent.

Astrid Stäber vom Furore Verlag gibt allerdings zu bedenken, dass diese Steigerung im Musikleben kaum spürbar sei: »Schauen wir uns die Programme der großen Orchester wie zum Beispiel der Berliner Philharmoniker an, so stellen wir fest, dass in der Spielzeit 2017/18 gerade mal ein Werk einer Komponistin gespielt wird, die Münchner Philharmoniker kein Werk einer Komponistin spielen, die Hamburger Philharmoniker kein Werk einer Komponistin spielen, das Staatsorchester Kassel kein Werk einer Komponistin spielt und so weiter…« Noch verheerender sehe es in der Blasmusik aus. In anderen Künsten liege der Frauenanteil dagegen inzwischen aufgrund gezielter Förderung bei über 30 Prozent.

Neben der alltäglichen Verlagstätigkeit arbeitet der Furore Verlag deshalb unermüdlich auch daran, auf diesen Missstand aufmerksam zu machen. 2016 wurde beispielsweise zusammen mit dem Militärmusikdienst der Bundeswehr ein inter­nationaler Kompositionswettbewerb für Komponistinnen ausgerufen.

Unter dem Titel »Aufbruch für zwei Trompeten, Horn, Posaune und Tuba« wurde ein mittelschweres Stück für Blechbläserquintett gesucht. Der Aufwand hat sich Stäber zufolge gelohnt: »Wir hatten eine große internationale Resonanz und eine sehr ausführliche Presseberichterstattung. Im August 2017 wurden dann die preisgekrönten Stücke während der »documenta 14« in der voll besetzten Elisabethkirche vom »Brass-6´tett« des Heeresmusikkorps Kassel uraufgeführt, das diese Stücke nun auch in sein Repertoire aufnehmen will.

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