gegeneinander musizieren - über die mehrchörigkeit in der sinfonischen bläsermusik

  • 21.09.2011
  • Sinfonisch
  • Jochen Wehner
  • Ausgabe: 4/2005
  • Seite 12-15

Die Geburtsstunde der Mehrchörigkeit liegt historisch gesehen sehr weit zurück. Im griechischen Sprachgebrauch bedeutet der Begriff Antiphonia (hier: lat.) die damals weit verbreitete Praxis des »Gegeneinandersingens« von zwei Sängern oder auch Chören. Eine andere Variante war der Wechselgesang zwischen einem Frauenchor und einem Männerchor, der von Philo von Alexandrien bereits zu Beginn der Zeitrechnung nachweisbar ist. Später wurde diese Tradition auch in den Synagogalgesang aufgenommen.

Im 4. Jahrhundert n. Chr. kam es zur Weiterentwicklung in der Psalmodie, wo solistischer Psalmvortrag vom Refrain der Gemeinde abgelöst wurde. Aus diesen einfachen Formen des musikalischen Dialogs kristallisierte sich langsam die Mehrchörigkeit heraus, wobei zurzeit des späten Mittelalters kirchliche Festmusiken des Barocks von den akustischen Effekten eines sakralen Raumes profitierten. Die von Adrian Willaert (franko-flämischer Komponist – zwischen 1480 und 1490[?] bis 1562 [Venedig]) mitbegründete Mehrchörigkeit der »Venezianischen Schule« wurde von seinen Schülern – vor allem durch die Brüder Andrea und Giovanni Gabrieli – zum einen bis zur Vierchörigkeit ausgebaut, zum anderen vor allem in die reine Instrumentalmusik übernommen. Die »gegeneinander« musizierenden Gruppen waren nicht nur räumlich voneinander getrennt, sie unterschieden sich auch in der Tessitura (Tonlage) in Hoch- und Tiefchöre.

« zurück