Für klangvolle Lebenslagen - Saxofonblätter von Rico

Ein knallharter Test von Saxofonblättern? Die Produkte verschiedener Hersteller genauestens vergleichen oder sogar bewerten? Das wird kaum möglich und immer subjektiv sein – wie sich jeder vorstellen kann, der den Umgang mit Holzblättern aus eigener Erfahrung kennt. Denn sogar die Blätter desselben Herstellers, desselben Modells in ein- und derselben Packung können unterschiedlich ausfallen, da es sich bei Naturfasern eben um ein »lebendiges« Material handelt. Hier gleicht eben nicht ein Ei dem anderen. clarino. print-Tester Guntram Bumiller hat sich dennoch einmal einige Blattmodelle der Marke »Rico« genauer angesehen und auf dem Altsaxofon auf Einsatzbereiche und Klangeigenschaften geprüft.

Bei Holzblättern hängt viel von den Blattfasern ab: Wie dicht stehen sie? Wie regelmäßig ist ihr Wuchs?Ob einem Musiker ein Blatt zusagt oder nicht, hängt von einigen Faktoren wie Mundstück (Öffnung, Material, Form), dem Saxofon selbst (Marke, Modell) oder der individuellen Klangvorstellung ab. Auch die Spielweise, die Art des Ansatzes und die unterschiedlichen Genres und Musikstile erfordern eine gewisse Blattwahl. Bevorzugt der eine Interpret ein Blatt, das in erster Linie viel »Power« hat, ist für den anderen ein Blatt wichtig, das im feinsten Pianissimo gut oder im Flageolett-Bereich (andere Bezeichnung: Top-Tone-Bereich) leicht anspricht.

Das zusammen lässt sich nicht immer mit einem einzigen Blatt verwirklichen. So wird ein Saxofonist Blätter suchen müssen, die zu seinem »Material« und seiner Spielweise passen. Zudem wird er sich entscheiden müssen, ob er bei einem klassischen Blättchen aus Arundo donax (Schilfgras) bleibt oder sich ein mit Kunststoff beschichtetes Blatt oder sogar ein Voll-Kunststoffblatt zulegt – die Möglichkeiten und Angebote sind schier unendlich. Die verschiedenen Hersteller entwickeln ein immer breiteres Angebot, damit jeder Saxofonist »sein« Blatt finden kann.

Zum Test lagen Profi-Saxofonist Guntram Bumiller nun vom Hersteller Rico die Altsaxofonblätter »Reserve Classic«, »Royal« und »Select Jazz« vor. Diese hat er – um den verschiedenen hier schon erklärten Wünschen und Ansprüchen, die ein Saxofonspieler haben kann, gerecht zu werden – mit unterschiedlichen Mundstücken von Vandoren, Selmer und Meyer getestet.

»Reserve Classic«

Das Blatt »Reserve Classic« fällt dem Tester vor allem durch seinen warmen und weichen Klang auf. Die Ansprache ist sehr nuanciert, ein weiches Piano in der tiefen Lage lässt sich ebenso verwirklichen wie ein Forte in den hohen Lagen. Auch können Top-Tones ohne Probleme gespielt werden. Dem geübten Spieler bereitet eine saubere Intonation keinerlei Schwierigkeiten. Die neue »Classic«-10er-Verpackung ersetzt die bisher bekannte 5er-Packung. Die »Reserve Classic «-Blätter für Altsaxofon wurden unter der Mithilfe von international bekannten Saxofonisten aus dem klassischen Bereich mitentwickelt. Laut Herstellerangaben wird nur Stamm-, also bodennahes Schilfrohr verarbeitet, dessen hohe Dichte stabile und beständige Blätter ergibt. Der Rücken wurde gegenüber den bisherigen »Reserve«-Blättern etwas verstärkt, was wohl für noch mehr Flexibilität sorgt. Zudem ist die »Härte grad einteilung« mit der Stärke 3+ verfeinert worden.

Auf Dafürhalten von Guntram Bumiller wird – entsprechend der Klangeigenschaften dieses Blatts – sowohl der klassische (Profi-)Saxofonist als auch der Musiker im Amateurorchester mit diesem Blatt eine gute Wahl treffen und seine Freude haben.

»Royal«

Das Blatt »Royal« ist schon seit vielen Jahren auf dem Markt und erfreut sich vor allem bei Anfängern und bei Amateuren großer Beliebtheit. Durch seinen »französischen « (filed) Schnitt ist es in den unteren Lagen sehr leicht und leise anspielbar. Aus der speziellen Schnittform resultiert der eher helle und zentrierte Klang. Das »Royal«-Blatt hat je nach Spielweise nicht die klanglichen Eigenschaften und den Sound, die Stabilität und Langlebigkeit des »Reserve«-Blatts, dafür ist es aber in den verschiedensten Musikstilen, im klassischen sowie im Jazz- und im Pop-Bereich einsetzbar. Zudem ist, gerade für junge Saxofonisten, die gleichbleibende Qualität der Blätter einer Packung eine zuverlässige Erleichterung bei der Findung eines »spielbaren« Blatts – und damit ein Plus für das »Royal«- Blatt.

»Select Jazz«

Das Blatt »Select Jazz« ist im Popularbereich, sei es bei Bigband-, Soul- und Funkmusikern oder Saxofonisten im kammermusikalischen Jazz ein sehr beliebtes Blatt. Es erlaubt jedem Instrumentalisten, gerade durch seine zwei Schnitte (»filed« und »unfiled «) und durch seine Unterteilung in »Drittelstärken«, sein Blatt zu finden. Dem Tester gefällt vor allem die »Kraft« und der breite Klang des Blatts, das aber dennoch über eine gute Ansprache und enorme Flexibilität verfügt. Selbst das Subtone-Spiel und das schnelle Springen in den Top-Tone-Bereich ist kein Problem. Zudem kann jederzeit sauber intoniert werden. Diese Eigenschaften hat das Blatt wohl, wie der Hersteller schreibt, seinem genau definierten Herz und einem längeren Ausstich zu verdanken.

Der Tipp des Testers: Jeder Saxofonist muss die verschiedensten Blätter selbst testen. Er muss seine eigene Wahl treffen, gemäß seines Mundstücks, aber vor allem nach seinem technischen und musikalischen Können. Sich hierbei an berühmten Saxofonisten zu orientieren, mag eine kleine Hilfe sein, doch letztlich sind bei allen Musikern die verschiedene Ansatzweise, der Anblasdruck, die Lippenspannung und auch die anatomischen Verhältnisse (zum Beispiel Kieferbau...) derart verschieden, dass jeder »sein« Blatt selbst suchen und finden muss. Auf dieser Suche nach dem für sich selbst optimalen Blatt bietet das große Angebot von »Rico Reeds« dann sicherlich viele spannende Test- und Klang-Möglichkeiten.

Was bedeutet »filed« und »unfiled«?

Eine Möglichkeit, die Feinabstimmung im Klang eines Saxofons vorzunehmen, ist die Wahl zwischen einem Blatt mit französischem Schnitt (»filed«) und einem mit amerikanischem Schnitt (»unfiled«). Oft bevorzugen Musiker, die ein traditionelles, klassisch orientiertes Mundstück mit dunklem, weichem Klang und moderatem Blaswiderstand verwenden, ein Blatt mit französischem Schnitt. Ein solches Mundstück ist mit einem »filed«-Blatt etwas freier anzublasen. Musiker, die ein leicht anzublasendes, mäßig bis brillant klingendes Mundstück (speziell Saxofonmundstücke für Jazz und Pop) verwenden, bevorzugen meist ein Blatt mit amerikanischem Schnitt (»unfiled«).

Ein Blatt mit französischem Schnitt

  • bietet einen geringen Blaswiderstand und ermöglicht ein freieres Schwingen des Blatts, speziell im tiefen Register
  • erleichtert die weiche Ansprache
  • Klang wird differenzierter
  • für den Einsatz auf klassischen Mundstücken
  • empfohlen auf folgenden Mundstücken: MEYER, OTTO LINK, SELMER Kautschuk

Ein Blatt mit amerikanischem Schnitt

  • bietet einen höheren Widerstand
  • viel Kraft im Ton
  • für den Einsatz auf Mundstücken für Jazz und Pop
  • empfohlen auf folgenden Mundstücken: DUKOFF, SELMER Metall, GUARDALA, BERG LARSEN

Der Tester

Guntram Bumiller studierte am Richard- Strauss-Konservatorium in München Saxofon, danach absolvierte er ein Aufbaustudium am Conservatoire in Bordeaux (Frankreich), Abschluss mit Solo- und Kammermusikdiplom. Er war Sieger beim internationalen Kammermusikwettbewerb »Premio Gaetano Zinetti« in Sanguinette/Verona (Italien) und hat zahlreiche Konzertverpflichtungen im In- und Ausland.

  • 29.09.2011
  • clarino.test
  • Guntram Bumiller/Anneliese Schürer
  • Ausgabe: 10/2011
  • Seite 20-21

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