Flötistin Kathrin Christians: Neugier und Lebensfreude

Bestimmte Attribute ziehen sich wie ein roter Faden durch das Leben und die Laufbahn der Flötistin Kathrin Christians: Mut, Neugier, Kampfgeist, Lebenslust! Kathrin Christians redet gerne, sie hört gerne zu. Sie kann lachen und im nächsten Augenblick nachdenklich sein. Sie ist bisweilen herrlich albern und kann sich sodann gleich wieder über Dinge aufregen. Kathrin Christians ist eine bemerkenswerte Frau.

In der Rezension zu Kathrin Christians Debüt-Album (Clarino 7-8/2017, »Was! Für! Ein! Debüt!«) stand zu lesen: »Zweifelsfrei steht fest, dass man von Kathrin Christians noch mehr hören will – und wird!« Ein Treffen also sollte her.

Schicksalsschlag Schlaganfall

Zwischen einem Konzerttermin mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim und einem Auftritt, der in Bad Tölz auf dem Plan stand, wurde also kurzerhand ein Zwischenstopp in München eingeschoben. Am Tag vor dem Treffen kommt die elektronische Post: »Wegen einer Erkrankung haben mir die Ärzte Bettruhe verordnet. Wollen wir es so machen, dass ich mich bei Ihnen melde, sobald ich wieder auf den Beinen bin?«

Das war im April. Die Diagnose muss ein Schock gewesen ein: Schlaganfall! Kathrin Christians tut das, was sie vor allem deshalb tut, weil sie vermutlich gar keine Alternative kennt: sie kämpft. »Strike the Stroke!« wird ein geflügeltes Wort in ihren sozialen Kanälen wie Facebook oder Instagram. Kampf dem Schlaganfall! Kampf dem Schicksalsschlag! Doch genau als solchen will die Musikerin den Schlaganfall nicht sehen – zumindest nicht in erster Linie. Doch dazu später mehr.

Am 30. August ist es dann endlich so weit. Es ist einer der heißesten Tage des Jahres und es ist eine der schönsten Städte Deutschlands. In Heidelberg hat ja schon Ernst Neubach im Jahre 1925 sein Herz verloren. Ihr »Wohnzimmer« nennt Kathrin Christians Heidelberg.

Unweit von hier ist sie aufgewachsen, hier kennt sie scheinbar jedermann. Hier wohnt und lebt sie und hierher kommt sie immer wieder zurück. In Heidelberg machen wir einen Stadtspaziergang, in dessen Verlauf man über Gott und die Welt zu sprechen kommt.

Heidelberg: Das Wohnzimmer der Flötistin

Weil Heidelberg mit der 1386 gegründeten Ruprecht-Karls-Universität die älteste Universität auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands beheimatet, fangen wir in der Alten Aula an, einem Saal, in dem heute Konzerte, Lesungen, Vorträge und Kulturpreisverleihungen stattfinden.

Kathrin Christians fragt kurzerhand den Portier, ob man mal schnell einen Blick in die Aula werfen dürfe. Natürlich erliegt er ihrem Charme. Der im Stil der Neorenaissance gestaltete Saal ist beeindruckend. Die Treppen abwärts bewältigt die Musikerin dann lieber in der Nähe des Geländers.

Ihre rechtsseitige Lähmung ist zwar mittlerweile verschwunden, doch sicher ist sicher. Das Kopfsteinpflaster – und davon gibt es in Heidelberg nicht eben wenig – stellt eine besondere Herausforderung dar, sagt sie. Doch wenn sie sich nicht ständig für ihre leichten Schwankungen entschuldigen würde – man würde es vermutlich gar nicht mitbekommen.

Studenten, die sich vor der Bibliothek auf dem Gehweg fläzen, hätten vor ein paar Wochen noch ein schier unüberwindbares Hindernis dargestellt. Kathrin Christians freut sich wie ein kleines Kind, dass sie keinem Studenten auf die Finger tritt.

Die Studenten sind übrigens der eine Teil, der das Stadtleben von Heidelberg ausmacht. Faszinierend sei »diese Heidelberger Mischung«, findet Kathrin Christians. »Die Stadt ist einerseits unglaublich jung wegen der vielen Studenten, doch andererseits auch konservativ-bewahrend – gerade im kulturellen Bereich.«

  • 07.11.2017
  • Szene
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 11/2017
  • Seite 40-43

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