Fälle aus der musiktherapeutischen Praxis

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Wir wissen es alle: Musik setzt unsere Emotionen frei, gibt ihnen ein Ventil oder eine Richtung, macht sie sicht- und sagbar. Wenn wir musizieren, er- leben wir uns nicht nur als Schaffende, sondern üben in der Gruppe auch unser Kooperationsverhalten. Alles das spielt eine Rolle in der Musiktherapie.

Fälle aus der Musikpraxis

Die Erfolge der Musiktherapie verdanken sich der großen Macht, die die Musik über uns besitzt. Musik erreicht unsere Emotionen ohne Umwege über die Sprache und das Bewusstsein. Sie findet einen Zugang zu unseren heimlichen oder weniger heimlichen Ängsten, zu unseren quälenden oder verdrängten Erinnerungen, zu unseren unterdrückten oder verleugneten Gefühlen. Besonders bei psychosomatischen Erkrankungen – und welche Krankheit hätte keinen psychischen Aspekt? – kann die Musik ein Schlüssel zur Heilung werden. 

Auch bei Patienten, die zunächst unwillig und abweisend an einer Musiktherapie teilnehmen, vermag Musik irgendwann den Abwehrpanzer zu durchdringen und den »versteckten« Menschen hervorzulocken. Das Musizieren in der Therapie kann dann zur spielerischen Vorübung für ein neues Leben werden. Authentische Fälle aus der Musikpraxis unterstreichen das eindrücklich.

Befreiungsschläge

Patientin K. verliert mit Anfang 50 ihre Arbeitsstelle als Sekretärin, wird daraufhin depressiv und mehrfach ohnmächtig. Sie ist eine schweigsame, defensive Person, die sich in der Gruppe nicht wohlfühlt. Beim gemeinsamen freien Spielen in der Musiktherapie bleibt sie zunächst das »stille Mäuschen«. 

Als sie sich aber schließlich auch an lauten Instrumenten versucht – Gong, Steeldrum, sogar Posaune –, entwickelt sie bald neues Selbstbewusstsein und zeigt auch in der Gruppe Willensstärke. Sie stellt fest, dass am Xylofon die kräftigen Schläge für sie »viel befreiender« seien. 

Ihre Musiktherapeutin, die Diplom­Sozialpädagogin Ute Rentmeister, schreibt: »In der Abschiedsstunde wagt sie als einzige in der Gruppe, die Stimme einzusetzen und zu summen, eine Form von Musikmachen, die sehr persönlich ist und den meisten Patienten schwerfällt.« 

Frau K. beendet die Musiktherapie als eine deutlich kontaktfreudigere Person und findet bald darauf eine neue Stelle als Sekretärin.

  • 11.06.2019
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 3/2019
  • Seite 36-37

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