Europameisterschaft für sinfonische Blasorchester: Utrecht zieht

Nicht nur die Brassbands, auch die sinfonischen Blasorchester haben jetzt ihre Europameisterschaften. In Utrecht ging eine organisatorisch bestens vorbereitete und musikalisch sehr gelungene Premiere über die Bühne – quasi als Generalprobe für die nächste Weltkonferenz der WASBE, die im Juli 2017 in der fünftgrößten Stadt der Niederlande ausgetragen wird.

»Wir wollten einmal sehen, wie das Interesse für eine solche Veranstaltung bei den Blasorchestern ist«, sagt Berit Handegard vom Norwegischen Blasmusikverband und ECWO-Präsidentin (European Championships for Wind Orchestras). Die ECWO wurde 2014 als NGO (Nicht-Regierungsorganisation) in Belgien angemeldet, mit den Gründungsmitgliedern Norwegen, Dänemark, Großbritannien, Niederlande und Belgien – allesamt Länder übrigens, in denen auch die Brassbands einen großen Stellenwert haben. Vorzutragen war ein Programm, das fast einem vollständigen Konzert entsprach, also mit etwa 40 bis 50 Minuten reiner Spielzeit, darunter das knapp zehnminütige Pflichtstück »Cerebral Vortex« des 1979 geborenen Norwegers Øyvind Moe.

Zur Premiere traten acht Orchester an, je eines aus den Ländern der Gründungsmitglieder sowie Vertreter aus Deutschland, der Schweiz und Lettland. Alle wurden entweder eingeladen oder hatten sich durch Erfolge auf nationaler Ebene qualifiziert. Mehr als acht Teilnehmer werde es wohl auch bei den Nachfolge-Veranstaltungen nicht geben, sagt Handegard. »Unser Ziel ist es, alles an einem Tag zu veranstalten, und da gibt es eben natürliche Grenzen.«

Der Wettbewerb selbst fand zwar an einem einzigen Tag statt, aber die ECWO wollte im Rahmen der offiziellen Eröffnung am Vortag im Rathaus von Utrecht auch zeigen, dass ihr nicht nur die Spitze der europäischen Blasmusik am Herzen liegt. In verschiedenen Kleingruppen gab es ein erstes Brainstorming zu den Themen Ausbildung und Repertoire, die die ECWO auch weiterhin beschäftigen werden. Auch das Rahmenprogramm der Europameisterschaften sprach eher die musikinteressierte Basis an. Am Wettbewerbstag boten verschiedene Orchester und Ensembles zwischen 11 und 18 Uhr an verschiedenen Plätzen der Stadt ein unterhaltendes Programm.

Premiere mit acht Orchestern

Moderatorin Maartje van Weegen, bekannt aus verschiedenen einheimischen TV-Shows, konnte um 9 Uhr mit dem Christiana Blåseensemble aus Norwegen das erste Orchester ansagen. Das Studentenorchester aus Oslo spielte ein recht intellektuelles Programm mit oft komplexen, aber sauber intonierten Harmonien, vergaß dabei aber nicht, einen einheimischen Klassiker wie Egil Hovlands »Fanfare and Choral« wieder in Erinnerung zu rufen.

Mit einem eher traditionellen Repertoire stellte sich die Eynsford Concert Band aus England vor. Stücke wie die »Silent Movie Suite« von Martin Ellerby oder der Finalsatz aus der 3. Sinfonie von James Barnes gefielen auch Zuhörern, die sich nicht unbedingt zu den »Freaks« der sinfonischen Blasmusik zählen und mit etwas besser entwickelter Klangkultur hätte man am Ende sicherlich nicht die »rote Laterne« gehabt.

Die »Danish Concert Band« aus dem Kopenhagener Stadtteil Rødovre präsentierte sich mit Adam Gorbs »Dances from Crete«, dem »Jiddish Dances« des gleichen Komponisten durchaus artverwandt. Besondere Freude machte das Wiederhören der »Hans Christian Andersen Suite« von Søren Hyldgaard, deren Uraufführung das gleiche Orchester bei der WASBE-Konferenz 1997 in Schladming gespielt hat.

Mit jugendlichem Elan spielte das Blasorchester der Jazeps-Medins-Musikgymnasiums aus Riga. Vertreter der »reinen sinfonischen Lehre« mögen Stücke wie Eric Whitacres »Godzilla eats Las Vegas« oder die Rossini-Ouvertüre »Die diebische Elster« als unpassend für einen solchen Wettbewerb empfinden, aber gemessen am Applaus war diese Gruppe wohl in der Minderheit.

Die Königliche Harmonie Thorn trat als einziges Orchester auch mit Chor auf. Die Sänger aus Roermond und Eindhoven gaben mit ihren Vokalisen der Ballettsuite »Daphnis et Chloé« von Maurice Ravel eine besondere Färbung. Das Orchester zeigte, dass Spitzenleistungen nicht unbedingt an jüngere Orchestermitglieder gebunden sein müssen. Auch an führenden Positionen saßen einige »reifere Jahrgänge«, was vor allem der Hornsolist in der 4. Sinfonie von David Maslanka bewies.

Auf ähnliche Weise im Blickpunkt stand der Es-Klarinettist des Landesblasorchesters Baden-Württemberg (LBO), der die bisweilen ex­trem hohen Passagen in »Bachseits« von Johannes Stert ohne nennenswerte Probleme meisterte. Der besonders warme Klang und das hochemotionale Musizieren des LBO wurden am Ende der »Sinfonischen Tänze« von Sergei Rachmaninow mit enthusiastischem Applaus bedacht.

Im Mittelpunkt des Vortrags der Civica Filarmonica Lugano stand die 1. Sinfonie »Die Erzengel« aus der Feder des Dirigenten Franco Cesarini. Das monumentale Tongemälde kam im groß besetzten Orchester in vollem Glanz zur Geltung. Die exponierten Hornpartien, die Cesarini für sein Register schrieb, überzeugten die Jury, sodass ein Sonderpreis für die beste Registerleistung vergeben wurde. Die Concertband Maasmechelen zeigte sich zum Abschluss von ihrer besten Seite. Besonders die Interpretation von Maslankas »Traveler« ging unter die Haut.

Bekanntgabe der Ergebnisse

Die Zeit bis zur Bekanntgabe der Ergebnisse überbrückte die Koninklijke Militaire Kapel »Johan Willem Friso« unter Tijmen Botma. Man habe am Ende dieses Tages auf schwere Wettbewerbskost verzichtet und ein »not too easy listening«-Programm vorbereitet, so der Dirigent. Neben einer Originalkomposition von John Williams (»For the President’s Own«) begeisterte Olivier Patey vom Concertgebouw Orkest als Solist im Klarinettenkonzert von Oscar Navarro. Nach der niederländischen Nationalhymne und einer etwas modernisierten Europa-Hymne (Beethoven) erfolgte die Verleihung der Urkunden in aufsteigender Platzierung. Schon nach Verlesen von Platz 2 kannte der Jubel der Thorner Musiker und Anhänger keine Grenzen mehr.

Alle ECWO-Ergebnisse auf einen Blick

1. Koninklijke Harmonie van Thorn (NL), 96,25 Punkte

2. Concertband Maasmechelen (B), 95,02

3. Christiania Blåseensemble (N), 93,3

4. Landesblasorchester  Baden-Württemberg (D), 93,15

5. The Danish Concert Band (DK), 92,95

6. Civica Filarmonica di Lugano (CH), 90,92

7. Jazeps Medins Riga Music (LV), 88,88

8. Eynsford Concert Band (GB), 86,8

Sonderpreise:

Bester Solist: Englischhorn (DK)

Bestes Register: Horn (CH)

Beste Interpretation Pflichtstück: Thorn

Originellstes Programm: Thorn

www.ecwo.eu

Dateien:

  • 29.06.2016
  • Szene
  • Joachim Buch
  • Ausgabe: 7-8/2016
  • Seite 52-53

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