Essenz des Virtuosentums - Luciano Berios "Sequenza"-Zyklus

Solospiel im Extrembereich: In seinen 14 »Sequenza«-Stücken verlangt Luciano Berio eine fast übermenschliche Instrumentaltechnik und erreicht dabei Effekte von wundersamer Eindringlichkeit.

Schnelle, vogelrufartige Läufe, dann lange, warme Töne oder Flatter-Sounds, auch stimmlich verstärkte Schnurr-Klänge, große Intervallsprünge und komplexe Triller... »Sequenza« ist ein außergewöhnliches Flötenstück. Dynamik und Register, Tempo und Tondichte wechseln ständig und rasch – so rasch, dass der Hörer zuweilen meh­rere gleichzeitige Abläufe wahrzunehmen meint. Der Komponist des Stücks spricht von einem »latenten impliziten Kontrapunkt« und von einer »Polyphonie im übertragenen Sinn«. Auf jeden Fall treffen dabei verschiedene Spielweisen und Spielcharaktere der Querflöte auf dichtestem Raum zusammen; das Stück dauert nur fünf Minuten. Man hat »Sequenza« als die Essenz aus der Geschichte der Flöte beschrieben, als Bestandsaufnahme fort­geschrittenster Flöten-Virtuosität – und zugleich als Erkundung neuer Spieltechniken und Startrampe in die Zukunft. Ein wahrhaft historisches Stück also, das neben Debussys »Syrinx« (1913) und Vareses »Density 21.5« (1936) zu den wichtigsten Flötenwerken des 20. Jahrhunderts zählt.

  • 19.04.2012
  • Szene
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 5/2012
  • Seite 36-37

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