entartete musik - verfemt – und doch millionenfach gehört

  • 21.09.2011
  • Sinfonisch
  • Franz X.A. Zipperer
  • Ausgabe: 6/2004
  • Seite 30-33

Es ist ein Affe, der mit wulstigen Lippen ein seltsam verdrehtes Saxofon bläst. Es ist ein Affe, auf dessen Brust der Judenstern prangt. Es ist ein Affe, der neben Smoking, Glacéhandschuhen und roter Fliege von seinem Ohr einen riesigen Ohrring hängen lässt. Alle nsignien »entarteter« Musik stellt er zur Schau. Der zum Affen verzerrte jüdische »Neger«, der in europäischer Festkleidung Jazz spielt, wurde zum Protagonisten einer musikalischen Abrechnungsschau der Nazis. Am 24. Mai 1938 eröffneten sie die Ausstellung »Entartete Musik« in Düsseldorf, um dem Publikum vorzuführen, von welchen Werken die Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren gesäubert worden war.

Reichsjugendführer und Staatssekretär Baldur von Schirach wetterte bei der Ausstellungseröffnung: »Was in der Ausstellung ›Entartete Musik‹ zusammengetragen ist, stellt das Abbild eines wahren Hexensabbats und des frivolsten, geistig-künstlerischen Kulturbolschewismus dar und ein Abbild des Triumphes von Untermenschentum, arroganter jüdischer Frechheit und völliger geistiger Vertrottelung.« Der Eingriff der Nazis in die Kunstszene ist seit Ende des Krieges bis heute immer wieder thematisiert worden. Die ähnlich zielbewusste Steuerung auf dem Gebiet der Musik wurde dagegen erst spät aufgearbeitet. Die Ausstellung »Entartete Musik« im Vorkriegsjahr 1938 deckte alle Bereiche der Musik gründlich ab – von Schönberg über die Werke Brechts/Weills bis hin zu Jazz, vor allem dem Swing. Hans-Severus Ziegler, der Initiator der Ausstellung, war damals Generalintendant des Staatstheaters Weimar. Er hatte sich bereits 1930 mit einem Erlass »Wider die Negerkultur« hervorgetan. Nach dem Krieg arbeitete er bis 1962 als Lehrer in Essen.

 

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