Elektrisierend cool - Die Blockflöte "Elody" von Mollenhauer

  • 17.06.2014
  • Test
  • Susanne Fröhlich
  • Ausgabe: 7-8/2014
  • Seite 60-62

Als ich letztes Jahr zum ersten Mal von Elody gehört habe, war ich sofort an der Neuentwicklung von Nik Tarasov interessiert. Ich sehnte mich regelrecht nach dem Moment, dieses Teil in meinen Händen zu halten und darauf spielen und vor allem auch experimen­tieren zu können. Bei einem meiner regelmäßigen Besuche BEI der ­Firma Mollenhauer war es dann endlich soweit. Im sogenannten Showroom erwartete mich eine halbe Rockbühne mit Verstärker, Effekt­pedalen und einer größeren Auswahl an Elody Spaces. Bereits in diesem Moment wusste ich, Elody und ich werden gute Freunde.

Sieht man Elody zum ersten Mal, denkt man keinesfalls an eine herkömmliche Blockflöte. Sowohl ihre cobraartige Form als auch ihr ungewöhnliches Airbrush-Design ziehen alle Blicke auf sich und steigern die Erwartungen beim Zuhörer. Über die einzelnen Motive wird man sich den ­einen oder anderen Kommentar kaum verkneifen können. Schenkt man allerdings der ganzen Sammlung Beachtung, erkennt man schnell, dass für jeden Geschmack ­etwas dabei ist.

Sobald Elody dann im ausgewählten Lieblingsdesign in der Hand liegt, machen sich die äußerlichen Veränderungen sogleich physisch bemerkbar. Blockflötisten, die normalerweise runde Instrumente gewohnt sind und selten einen viereckigen Paetzoldbass in der Hand hatten, werden sich wohl am meisten umstellen müssen: Aus dem vertrauten runden Mittelstück wurde ein lackiertes Griffbrett, der kleine Finger der rechten Hand betätigt nicht mehr nur zwei Löcher, sondern ins­gesamt vier Klappen, und statt in einen rund geformten Schnabel spielt man nun in ein übergroßes, abgeflachtes Mundstück. 

Hat man allerdings den ersten »Schock« überwunden, erkennt man immer mehr die Vorzüge dieser Bauweise: Das flache Griffbrett ermöglicht einem, geschmeidige Glissandi, schnelle Läufe und Triller zu ­spielen sowie dynamische Schattierungen hinzubekommen. Der Moosgummi auf der Rückseite garantiert trotz Lackierung sicheren Halt, die zusätzlichen Klappen ermöglichen einen größeren Tonumfang in ausgewogener Dynamik. Wie bei anderen modernen Modellen wird auch hier das 8. Loch nicht mehr benötigt, was ein abso­luter Vorteil ist. Dies bedeutet allerdings für diejenigen, die noch nie eine moderne Altblockflöte in der Hand hatten, dass sie sich mit neuen Griffen ab der 3. Oktave auseinandersetzen müssen. Hört man auf den akustischen Klang, wird man fest­stellen, dass Elody gar nicht so fern von einer modernen Altblockflöte der Firma Mollenhauer ist. Ich persönlich habe mir den Windkanal etwas anpassen lassen, da ich klanglich mehr Möglichkeiten haben wollte. Dies wird natürlich irrelevant, sobald man mit elektronischer Manipulation arbeitet. Möchte man allerdings nur mit Hall, Delays oder Loops hantieren, ist es natürlich besser, ein Instrument zu haben, mit dem man sich auch klanglich wohlfühlt.

Hier sind wir bereits beim attraktivsten ­Aspekt dieser Flöte angelangt. Der inte­grierte Tonabnehmer ist ein absoluter Pluspunkt. Musste man sich früher mit externen Mikrofonen, Stativen und Feedback abmühen, geht man mit Elody einfach auf die Bühne, steckt das Kabel in eine DI-Box, ein Interface oder einen Verstärker und schon kann es losgehen. Klanglich sind einem keine Grenzen mehr gesetzt, und mit einem guten Tonmeister am Mischpult kann das Ganze zu einem absolut neuen ­Erlebnis »Blockflöte« werden. Obwohl man sich relativ schnell in die Materie der elek­tronischen Manipulation einlesen und sich sowohl auf Elodys Website als auch über den direkten Kontakt zu Nik Tarasov An­regungen und Informationen holen kann, würde ich dennoch allen Einsteigern empfehlen, sich von einem Tontechniker ein paar Tipps zu holen. Was bestimmte Einstellungen an den Geräten betrifft, kommt man so einfach schneller zu besseren Resultaten und erspart sich unnötige Tüftelarbeit.

Interessant wird es nun bei den Überlegungen, in welchem Genre Elody zu Hause ist. Auf den ersten Blick wird jeder erkennen, dass sie mit anderen elektronisch verstärkten Instrumenten super kombinierbar ist. War man früher trotz akustischer Verstärkung mit seiner Flöte immer noch zu leise, kann man nun aufgrund des integrierten Tonabnehmers auch innerhalb einer Band locker mithalten und so manchen E-Gitarristen oder E-Bassisten an die Wand spielen. Mit Bands sind allerdings nicht nur Hard-Rock- und Heavy-Metal-Gruppen gemeint. Aus eigener Erfahrung sehe ich ­Elody ebenso in der elektronischen Musik­szene, in der Popmusik und im Jazz. Da­rüber hinaus funktionieren die meisten der erweiterten Spieltechniken, somit steht für mich außer Frage, dass Elody ebenfalls ­einen Platz in der Welt der Neuen Musik finden wird. Feine Manipulationen, Flüstergeräusche, gesprochene Wortfetzen, Pfeifen am und ins Labium, Fingerklappern und vieles mehr ist über die direkte Verstärkung besonders gut zu hören. Des Wei­teren kann man über ein sogenanntes ­Volumepedal dynamisch sehr viel mehr gestalten als normalerweise. Somit wird es interessant sein, manch einen modernen Klassiker wieder aus seinen Schränken ­hervorzukramen und zu probieren, ob das Stück mit Elody und zusätzlichen, wohl ausgewählten Effekten nicht noch besser umsetzbar ist.

Meiner Meinung nach richtet sich Elody an aufgeschlossene, zukunftsorientierte Spieler und eignet sich sowohl für Anfänger ab dem Teenageralter als auch für Fort­geschrittene und Profis. Ob Elody »die« Blockflöte der Zukunft ist, wage ich nicht zu ­behaupten. Auf jeden Fall eröffnet sie uns einen der vielen Wege, die man als Blockflötist im 21. Jahrhundert beschreiten sollte.

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