ein stück frankreich in boston - über die saxofon-mäzenin elise boyer hall

  • 21.09.2011
  • Sinfonisch
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 10/2005
  • Seite 10-11

Claude Debussy (1862 bis 1918) war von der Idee, für das Saxofon zu komponieren, nicht begeistert. Er kannte das Instrument kaum, dieses seltsame »Rohrblatt-Tier«, und fühlte wenig Lust, sich näher damit zu beschäftigen. Auch die Europa-Premiere von Vincent d’Indys Saxofonwerk »Choral varié«, zu der er persönlich eingeladen wurde, konnte ihn nicht beflügeln. Als die enthusiastische Amerikanerin im rosa Abendkleid in dieses plumpe Instrument hineinblies, empfand er das als einen geradezu lächerlichen Anblick. Ihre Spielkünste überzeugten ihn ebenfalls wenig. Warum Debussy den Kompositionsauftrag trotzdem annahm, ist unklar; die Höhe des Voraus-Honorars, die enthusiastische Beharrlichkeit der Auftraggeberin oder das Beispiel angesehener Kollegen mögen eine Rolle gespielt haben. Das Honorar war jedenfalls schnell verbraucht, die Komposition jedoch stockte. Nach ein paar Monaten oder Jahren stellte Debussy die Arbeit daran ein, erst 1911 – acht Jahre nach Auftragsannahme – lieferte er. Was er lieferte, war die verkürzte Partitur eines Orchesterwerks mit Saxofon, mit der die Mäzenin nichts anzufangen wusste. Debussy starb ohne sein Werk gehört zu haben.

Debussys Auftraggeberin, Mrs. Elise Boyer Hall (1853 bis 1924), entstammte einer angesehenen Bostoner Familie mit alten französischen Wurzeln. Elise war in Paris geboren und erzogen worden, heiratete den amerikanischen Chirurgen Richard J. Hall, der in New York und Kalifornien praktizierte, und hatte zwei Töchter mit ihm. Zur Behandlung einer gesundheitlichen Schwäche empfahl ihr der Ehemann, ein Blasinstrument zu erlernen. Gelegentlich liest man, Elise Hall hätte von einer Typhus-Erkrankung ein Lungenleiden behalten; Frankreichs führender Saxofonist Marcel Mule vermutete gar, sie hätte Asthma gehabt.

 

« zurück