ein preuße auf hawaii - wie heinrich berger 1872 die royal hawaiian band übernahm

Am 2. Juni 1872 lief der Dampfer Mohongo von San Francisco kommend in den Hafen von Honolulu auf der Insel Oahu ein. Mit an Bord war Heinrich Berger, der stellvertretende Kapellmeister des 2. Garderegiments zu Fuß in Berlin, abkommandiert für vier Jahre vom preußischen Kriegsministerium zum Königtum von Hawaii. Berger hatte den Auftrag erhalten, das Amt eines Kapellmeisters der Royal Hawaiian Band zu übernehmen.

Diese vor 1817 gegründete Kapelle hatte in den vorangegangenen Jahrzehnten einige Höhen und Tiefen erlebt. Wilhelm Merseburgh, ein Deutscher, dessen Herkunft bislang noch im Dunkeln liegt, hatte die Kapelle 1848 während der Herrschaft von König Kamehameha I. übernommen und sie mit viel Geschick geleitet. Er heiratete eine hawaiianische Prinzessin mit Namen Kaipuhau und hinterließ eine respektable Nachkommenschaft. Bald nach seinem Weggang wurde die Kapelle aufgelöst. Im Dezember 1869 musste das österreichische Kriegsschiff Donau, das während einer Weltreise von Yokohama kommend in einen Taifun geraten war, wegen eines Motorschadens längere Zeit im Hafen von Honolulu vor Anker gehen. Die Militärkapelle des Schiffes veranstaltete mehrere Platzkonzerte in der Hauptstadt. Zum ersten Male hörten die musikbegeisterten Hawaiianer österreichische und preußische Märsche, darunter den »Radetzky-Marsch«, und Walzer- und Polkamelodien von Johann Strauß und Johann Strauß Sohn. Die Hawaiianer waren von dieser Musik überwältigt. In einer Petition baten sie den König, die eigene Kapelle zu reaktivieren und einen Kapellmeister zu engagieren, der auch fähig war, einige Instrumente selbst zu spielen, zu arrangieren und zu komponieren. König Kamehameha I. ging gern auf den Wunsch ein, auch persönlich beeindruckt und überzeugt, dass die von der österreichischen Kapelle gespielte Blasmusik aus dem deutschsprachigen Raum von hervorragender Qualität sei. Ein schriftliches Gesuch des Königs gelangte über das hawaiianische Konsulat in Hamburg zum preußischen Kriegsministerium nach Berlin, das sich sofort wohlwollend damit befasste. Umgehend wurde unter Berücksichtigung der Wünsche des Königs ein Wettbewerb mit insgesamt zwölf Kapellmeistern veranstaltet – ein wohl einmaliges Ereignis in der preußischen Musikgeschichte. Heinrich Berger, der stellvertretende Kapellmeister des 2. Garderegiments zu Fuß, ging aus dem Wettbewerb als deutlicher Sieger hervor. Eine gute Wahl für die Entwicklung der Musikgeschichte in Hawaii wurde getroffen, wie sich bald herausstellen sollte. Militärisch gesprochen verkörperte Berger sein heimatliches Preußen, musikalisch jedoch eher die weicheren und beschwingteren Traditionen des österreichischen Kaiserreiches. Das sollte der Schlüssel zu seinem Erfolg werden.

 

  • 21.09.2011
  • Sinfonisch
  • Wulf Nöhring
  • Ausgabe: 2/2005
  • Seite 30-33

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