Eckart Altenmüllers neues Buch: Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann

Den Leserinnen und Lesern von CLARINO ist Prof. Dr. Eckart Altenmüller kein Unbekannter mehr. Der Musikmediziner gehört zu den renommiertesten Musikforschern auf dem Gebiet der Neuropsychologie und Neuro­physiologie. In seinem aktuellen Buch »Vom Neandertal in die Philharmonie« gibt Altenmüller einen profunden und zugleich sehr unterhaltsamen Einblick in sein Forschen und Denken.

Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann

Der Untertitel des Buches lautet: »Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann«. Diese These – dass Musik für den Menschen lebenswichtig sei – ist unter Fachleuten durchaus umstritten. Der Psychologe Steven Pinker zum Beispiel meint: »Musik könnte aus unserer Spezies verschwinden, und der Rest unseres Lebensstils bliebe praktisch unverändert.« Liefert Altenmüllers Buch wirklich den Beweis fürs Gegenteil?

Zumindest macht es deutlich: Würde der Mensch ohne Musik leben, müsste Menschsein wohl neu definiert werden. Zu tief steckt die Musik in uns drin, als dass wir uns den Menschen ohne sie vorstellen könnten. Zu tief steckt Musik in der Struktur unseres Gehirns, zu tief prägt sie unsere kognitiven Fähigkeiten, zu stark ist sie mit unserer sozialen Wirklichkeit verknüpft, als dass man sie einfach »amputieren« könnte.

»Musik unterstützt vom ersten Wiegenlied an soziale Bindungen«, schreibt Altenmüller, »sie fördert Gruppensynchronisierung, entlastet uns durch Trance-Erlebnisse von den Bürden der Existenz, erhöht das Wohlbefinden und löst Glücksgefühle aus. Musik war immer wichtig für das, was uns Menschen ausmacht [...].«

Ursachenforschung

Fragt sich nur, warum Musik diesen hohen Stellenwert besitzt, warum sie uns so innig berührt, warum sie uns so viel zu »sagen« hat. Professor Altenmüller hat sich darüber im ersten Teil seines Buches einige kluge Gedanken gemacht (»Vom Wesen der Musik«). Er glaubt, dass die Musik evolutionär aus stimmlichen Affektlauten hervorging, klagenden, bittenden oder zufriedenen Tönen, wie sie auch Tiere und Kleinkinder benutzen und wie sie unsere »Sprachmelodie« bis heute färben.

Diese emotionalen Lautsignale waren ein erstes Kommunikationssystem, das aber, als die menschliche Kommunikation differenziertere Mitteilungen verlangte, zugunsten einer Gesten- und schließlich Wortsprache aufgegeben wurde. Der französische Romanschriftsteller Marcel Proust hat es so formuliert: »Musik ist wie eine Möglichkeit, der nicht weiter stattgegeben wurde; die Menschheit hat andere Wege eingeschlagen, die der gesprochenen und geschriebenen Sprache.«

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas »Im tiefsten Inneren: Musik und Psychologie«:

  • 02.09.2018
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 9/2018
  • Seite 26-27

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