ECHO Klassik: Das ZDF präsentiert Klassik im Popsong-Format

  • 03.01.2018
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 1/2018
  • Seite 34-35

Klassische Musik im Fernsehen. Zur besten Sendezeit, an einem Samstag­abend, kurz nach 21 Uhr. Und das nicht etwa auf einem Spartenkanal, sondern im Hauptprogramm des ZDF. Kann das wirklich sein? Am 29. Oktober 2017 war wieder ECHO-Klassik-Preisverleihungs-Gala.

Die ECHO-Klassik-Preisverleihungs-Gala

Bei dieser Veranstaltung feiert die Musikbranche jedes Jahr sich selbst. Die Jury: eine Abordnung des Bundesverbandes Musikindustrie. Der Preisverleiher: eine Interessengemeinschaft der Tonträgerbranche. Die Nominierten: die aktuellen Bestseller des Musikmarktes.

Tatsächlich belohnen die ECHO-Klassik-Auszeichnungen nicht nur künstlerische Qualität, sondern auch wirtschaftlichen Erfolg, also Verkaufszahlen – was von den Initiatoren verbrämt wird als »Votum des Publikums«.

Dabei wissen wir alle: Verkaufszahlen spiegeln nicht den Publikumsgeschmack, sondern die Publikumsansprache, also Marktstärke, Verkaufstaktik, Werbung, Prominenz. Der ECHO Klassik ist eine Auszeichnung für die Besten unter den Bestvermarkteten, ein »Echo« der Umsatzergebnisse. Firmen wie Sony und Deutsche Grammophon stellen daher das Gros der Preisträger. Motto: Musik ist auch Wirtschaft. Musik ist auch Sozialprodukt.

54 Auszeichnungen

Verliehen wurde der ECHO Klassik dieses Jahr sage und schreibe 54 (!) Mal. Man könnte diese inflationäre Zahl für eine Entwertung dieses Preises halten. Man könnte darin auch eine maßlose Selbstüberschätzung der Branche sehen. Aber was soll’s: Der amerikanische Grammy wird jedes Jahr fast doppelt so oft verliehen. Daneben wirken die 25 Hollywood-Oscars geradezu bescheiden.

Allerdings: Bei 54 Auszeichnungen kann es schon ein wenig unübersichtlich werden. Worin noch mal unterscheiden sich die Kriterien der zehn verschiedenen Preise für die beste Konzerteinspielung? Und die der sechs verschiedenen für die beste Kammermusikeinspielung?

Ein besonderes Problem mit der Preisfülle hatte das ZDF. 54 Preisträger passen einfach nicht in eine Fernsehsendung. Nur für ein gutes Dutzend ist Platz. Wen also wählt man aus? Antwort: die Berühmten und die Telegenen, die populären Instrumente und das populäre Repertoire.

Drei Sängerinnen, zwei Sänger, zwei Pianisten, einen Geiger, eine Cellistin... Die üblichen Verdächtigen von den Titelseiten der Magazine. Keine Bläser natürlich. Sony und DG sind nun fast ganz unter sich. Die Echos des Marktes werfen weitere Echos.

Gottschalk und Lammert

Ganz klar: Es geht an diesem Fernsehabend gar nicht in erster Linie um Musik. Das ist kein Konzert, das ist eine Gala. Mindestens ebenso wichtig sind Präsentation, Abendgarderobe, Werbung für die Elbphilharmonie, Fernsehprominenz und ein bisschen Glamour. Für die Moderation benötigt man ein bekanntes Gesicht – es gehört Thomas Gottschalk.

Der 67-Jährige ist mediengewandt, witzig, hellwach, auch wenn seine Alte-Männer-Allüren gegenüber jungen Musikerinnen doch ein wenig nerven. Von Klassik versteht er nichts, aber er soll ja auch keine Interviews führen. Die finden versteckt hinter der Bühne statt und sind nur im Internet zu sehen – dort also vermutet man das wahre Klassik-Publikum.

Die Moderationen liest Gottschalk vom Teleprompter ab, einschließlich so mancher Fehler – einige Fehler kann er auch geistesgewandt korrigieren. Selbst seine scheinbar spontane Ironie und Wortspielerei sind gar nicht spontan. Trotzdem wirkt Gottschalk angenehm respektlos und locker. Bloß im Fernsehen keine steife Klassik-Atmosphäre aufkommen lassen!

Das PDF enthält alle sieben Artikel des Schwerpunktthemas "Musik und Medien: Kultur vs. mediale Ignoranz": 

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