Dr. med. Eckart Altenmüller über den "Mozart-Effekt"

Dr. med. Eckart Altenmüller (Foto: Sebastian Neumann)

Musik hat Einfluss auf die Gefühle: Musik kann traurig machen, aggressiv, nervös – aber auch glücklich. Welche Gefühle angesprochen werden, hängt natürlich von der Musikrichtung ab. So wie uns bestimmte Musik traurig macht, kann uns unsere Lieblingsmusik zum Lernen motivieren oder vor einer Prüfungssituation beruhigen. Heißt das, dass Musik beim Lernen hilft? Wir sprachen mit Dr. med. Eckart Altenmüller, Professor sowie Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.

Herr Altenmüller, bei meinen Recherchen bin ich auf widersprüchliche Erkenntnisse gestoßen: Wissenschaftler, die den »Mozart-Effekt« loben, und jene, die ihn für widerlegt erachten. Zunächst die Frage: Was genau bewirkt denn der Mozart-Effekt eigentlich?

Gibt man den Begriff »Mozart effect« in eine Internet-Suchmaschine ein, erhält man über 300.000 Treffer. Was ist das für ein Effekt, der ein so großes Echo erzielt hat? Alles begann 1993, als Frances Rauscher und ihre Kollegen Gordon Shaw und Katherine Ky einer Gruppe von 36 Collegestudenten zehn Minuten lang den ersten Satz der Sonate in D-Dur für zwei Klaviere von Wolfgang Amadeus Mozart vorspielten (siehe www.youtube.com/watch?v=baS5ny8TLi8).

Danach konnten die Studenten für etwa zehn Minuten eine Papierfalt-und-schneide-Aufgabe besser lösen. Hörten sie aber Entspannungsmusik oder saßen zehn Minuten in Stille da, zeigte sich dieser Effekt nicht. Diese Studie, die mit sehr wenig Aufwand an drei Tagen durchgeführt wurde, schaffte es immerhin in die erstklassige Wissenschaftszeitschrift »Nature« und wurde rasch sehr bekannt.

Und dann geschah das Verhängnisvolle: Die Medien kondensierten die Ergebnisse zu dem Satz »Mozart macht schlau« und die drei Wissenschaftler widersprachen dieser Darstellung nicht. Damit war der Mozart-Effekt geschaffen, und nun setzte man die Musik Mozarts bei Neugeborenen, bei Kindern mit Lernstörungen, bei ADHS-Kindern oder bei Epileptikern zur Intelligenzförderung ein.

Niemand bedachte, dass in der ursprünglichen Arbeit nur ein einziger Untertest aus dem IQ-Profil Erwachsener berücksichtigt wurde und dass dieser Effekt nur zehn Minuten angehalten hatte! Der Mozart-Effekt verselbstständigte sich, wurde von einem gewissen Don Campbell – einem im Hauptberuf eher erfolglosen Komponisten – als Handelsname eingetragen und hemmungslos vermarktet.

Zahlreiche seriöse Forscher versuchten den Effekt zu wiederholen, freilich mit sehr wechselndem Erfolg. Als Frances Rauscher dann auch noch ungeborene Ratten (die bekanntermaßen weitgehend taub sind) mit Mozarts Sonate beschallte und von enormen Verbesserungen in der räumlichen Orientierungsfähigkeit dieser beschallten Ratten sprach, verlor sie weiter an Glaubwürdigkeit.

  • 01.10.2019
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 10/2019
  • Seite 30-31

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