Disziplin und Kreativität in der Musik: Einheit oder Widerspruch?

Lassen Sie mich, meine verehrten Leser, diesen Artikel mit einer kleinen Anekdote beginnen: Als ich 1986, frisch aus der DDR »übergesiedelt«, in Mannheim die Anhörung für eine leitende Stellung hatte, wurde ich gefragt, ob ich mir zutraute, aus dem kommunistischen Osten kommend, eine Leitungstätigkeit zu übernehmen. Meine Antwort war: »Ja, denn wir vertreten in unserem Fach ja weitestgehend das 18. und 19. Jahrhundert; da sind die Regeln in Ost und West gleich, was nicht zuletzt die großartigen Musiker aus dem Osten beweisen; und im Übrigen ist jedes Instrumentalspiel an Fleiß und Disziplin gekoppelt, wenn man etwas erreichen will. Und dies gilt im Osten wie im Westen.«

Das Wort Disziplin war für die Einstellungskommission sofort ein Reizwort und man vermutete dahinter (wörtlich) »stalinistische Zwangsmethoden«. Mein Hinweis darauf, dass Disziplin in der Kunst eine freiwillig zu erbringende Qualität darstelle, die an Reife und Erkenntnis gekoppelt sei, welche vermittelt werden müssten, konnte die Gemüter der Anwesenden wieder etwas beruhigen. Mir wurde jedoch klar, dass sich Begriffsregelungen durch die politische Trennung unterschiedlich herausgebildet hatten. Um den Preis, möglicherweise eine Stellung nicht zu bekommen, erfuhr ich Sprache als Quelle von Irrtümern und Fehldeutungen.

Viele meiner späteren Kollegen waren noch in der Denkungsart der 1968er verhaftet, für die Freiheit oft aus gesellschaftlicher Regellosigkeit bestand. Sie wurde von Verantwortung allzu oft abgekoppelt. »Selbstverwirklichung« war das Zauberwort, und man war erst einmal dafür, dass man dagegen war.

Um sich unserem Thema annähern zu können, sollten deshalb zunächst die beiden Begriffe in unserem Thema genauer definiert werden.

Genie ist Fleiß (Napoleon Bonaparte)

Der Begriff »Disziplin« stammt aus dem Lateinischen und bedeutet »Lehre«, »Schule« oder »Zucht«. Alle drei Definitionen weisen eine große inhaltliche Spannweite auf. Sie reichen von militärischem Zwang bis zu einer Sportart (Disziplin), zum Beispiel in der Leichtathletik.

Eines wird jedoch sofort einleuchtend: Ein Mensch, von dem man Disziplin fordert oder der sie sich freiwillig auflädt, muss von dem Sinn eines konsequenten, strebenden Tuns überzeugt sein. Mechanistischer Drill ist der Tod jeder Disziplin!

In der Musik bedeutet der Begriff die Einordnung in das musikalische Regelwerk und in das gemeinsame Tun aller Mitbeteiligten. Disziplin setzt also die Akzeptanz systemischer Parameter einer Tätigkeit oder eines Fachgebietes voraus, um die erkannten Ziele gut und verlässlich zu erreichen.

Dies gilt für die Arbeit mit dem Instrument ebenso wie für die Mitwirkung in einem Orchester unter der Leitung eines Dirigenten. Dessen Autorität muss anerkannt werden, um freudig und motiviert seinen Part zu bewältigen. Letztlich muss sich der Musiker in einer stetigen Wertesuche befinden, vermittelte oder gewonnene Erkenntnisse adaptieren und an ihrer steigernden Vervollkommnung permanent arbeiten.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas »Kreativität vs. Disziplin: Einheit oder Widerspruch?«:

  • 04.06.2018
  • Schwerpunktthema
  • Stefan Fritzen
  • Ausgabe: 6/2018
  • Seite 26-29

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