Dirigentin Isabelle Ruf-Weber im Gespräch: Wie weiblich ist die (Blas-)Musik?

  • 26.04.2018
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 5/2018
  • Seite 22-25

»Ich glaube, wir machen grundsätzlich einen Fehler, indem wir Männlichkeit mit Stärke verbinden und Weiblichkeit mit Sensibilität. Jeder Künstler braucht Stärke und Sensibilität, egal ob es Mann oder Frau ist.« Gesagt hat das Simone Young, die vielleicht bekannteste Maestra. Wie steht es um die Frau am Pult?

Im Jahr 2000 antwortete Simone Young in einem Interview auf die Frage, ob sie nicht gerne ein paar mehr Konkurrentinnen hätte: Ja, sehr gerne – »weil das Thema endlich mal weg wäre vom Tisch!« Die Schweizerin Isabelle Ruf-Weber, die Simone Young zu ihren Vorbildern zählt, reagiert ähnlich auf die Interviewanfrage. Sie stöhnt geradezu genervt auf, als sie »mit den immer wieder gleichen Fragen« konfrontiert wird. Ob man sich da nicht mal was Neues ausdenken könne… Und sie hat ja recht! 18 Jahre nach Simone Youngs Antwort ist das Thema offenbar immer noch nicht passé.

Die Orchester im Umschwung

Und trotzdem hat sich etwas getan. Im Orchester auf jeden Fall, denn dort spielen jetzt mehr Frauen als früher. Ulrich Haider von den Münchner Philharmonikern weiß: »Der gesellschaftliche Wandel ist spürbar. Viel mehr Frauen entscheiden sich für ein Musikstudium. Das mag zum Teil auch daran liegen, dass die Arbeitszeitmodelle flexibler geworden sind.

Da fast alle deutschen Orchestermusiker im öffentlichen Dienst beschäftigt sind, gibt es auch bei uns die Möglichkeit, Elternzeit zu nehmen oder in Teilzeit zu arbeiten. Ich kann mich noch gut an die Diskussionen erinnern, als die erste Kollegin auf 50 Prozent gehen wollte. Was wurden da alles für schreckliche Szenarien aufgezeigt, sogar vom Untergang des Orchesters wurde gesprochen.« Wird also Zeit, dass auch die Dirigentin nicht mehr als Exot wahrgenommen wird!

Isabelle Ruf-Weber im Gespräch

Frau Ruf-Weber, werden Frauen als Dirigenten immer noch anders wahrgenommen? Oder kann man mittlerweile konstatieren: »Der Frack ist ab!«, wie wir das in der Redaktion zunächst als Arbeitstitel verwendet haben?

Beim »Frack« denke ich zunächst an das äußere Erscheinungsbild. Früher trug ich mal einen Frack, als ich noch Salonmusik machte. Beim Dirigieren aber habe ich nie einen Frack getragen. Ist der Frack eine Art Uniform, ein männliches Symbol? Die Frauen haben ihre Kleidung der Figur angepasst. Dirigentinnen tragen ein langes Kleid oder einen femininen Anzug…

Aber wenn ich darüber nachdenke: Die Leute achten schon sehr darauf, was man trägt. Man erfährt diese Kommentare zu einem Kleid, den Schuhen, zur neuen Frisur. Ich weiß gar nicht, ob das auch bei Männern auffällt. Bei Frauen achtet man darauf. Um die Frage zu beantworten: Es ist wirklich so, dass Frauen bisweilen anders wahrgenommen werden.

Aber warum achtet man bei Frauen so besonders darauf? Liegt das daran, dass unsere Gesellschaft immer noch ein veraltetes Frauenbild hat?

Das will ich so gar nicht sagen. Denn ich selber will ja gar keinen Frack tragen, ich will ja gar nicht so sein wie ein Mann – also mache ich selber ja schon einen äußerlichen Unterschied. Wenn ich mir die Werbung, die Illustrierten anschaue, erscheint die Frau oft als Sexsymbol oder Marketingobjekt. Allerdings betrifft das den Mann ja ebenso… Ich jedenfalls will selbst etwas anziehen, das mir auf den Leib passt.

Zumal es ja eigentlich auch nicht primär darum geht, den Dirigenten wahrzunehmen, sondern die Musik!

Genau. Rückenfreie Kleider, kurze Röcke oder zu kurze Ärmel etwa lenken dann oft ab. Eher sollte man sich zurücknehmen und den Fokus auf das Ganze legen.

Gibt es denn ein Rezept, dass die Aufmerksamkeit eben nicht auf diesen Äußerlichkeiten liegt?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mit einem schwarzen Anzug und einem Paar schwarze Schuhe neutral erscheine. In erster Linie jedoch geht es darum, die Zuhörer mit der Musik, einer stimmigen Interpretation zu fesseln.

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