Dirigenten erklären Musik - Johann Mösenbichler über »Mystikum VI«

Es ist wichtig, dass die Blasmusik, die so von musikalischen Modeströmungen geleitet wird, versucht, immer wieder aus diesem Strom auszubrechen und Dinge macht, die »anders« sind. Das ist vergleichbar mit einer Reise in ein fremdes Land – wenn man dieses ein bisschen erkundet, erweitert man seinen Horizont. Das gleiche gilt für die Musik. Wenn man Ausflüge in unbekannte Sphären macht und diese für sich und das Orchester erarbeitet – und letztendlich auch für das Publikum –, dann bringt das einen völlig neuen Fokus, einen neuen Blickwinkel, der durchaus auch einen Einfluss auf das musikalische Alltagsleben hat. Ich wünsche mir, dass die Blasmusik bereit ist, andere Facetten gelten zu lassen. Äußerungen wie »Das hat doch mit Musik nichts mehr zu tun« lasse ich nicht zu. Denn oft haben sich die Leute damit nicht beschäftigt.

Das ist der Grund, warum ich mit Hubert Hoches »Mystikum VI« einmal ganz etwas anderes gewählt habe. Außerdem erfahren die neueren deutschen Komponisten zu wenig Aufmerksamkeit im Repertoire. Gesucht habe ich etwas – auch in der Tonsprache – Zeitgenössisches, fernab den traditionellen Klischees, das aber Seriosität erwarten lässt. Wenn man zeitgenössische Komponisten sucht, dann findet man ein paar, die für Blasorchester schreiben. Ich bin dann auf Hubert Hoche gestoßen, der ja mit »flammabis«, einem Verein zur Förderung der zeitgenössischen Musik, in der modernen Komposition sehr intensiv zu Hause ist. Mittlerweile haben wir mit dem Polizeiorchester Bayern Hoches »Mystikum VI« fünf- oder sechsmal im Programm gehabt und meine Erfahrung ist, dass die Wirkung auf das Publikum – natürlich nach entsprechender Vorinformation – immer positiver ist, als man vorher glauben möchte.

Spannend ist immer die Frage, wie man an so ein Werk herangeht. Das muss man sich wirklich genau überlegen, da kann man nicht einfach irgendwo beginnen. Natürlich ist der Weg, die Partitur selbst genau studiert zu haben, ein ganz essenzieller. Und bei atonaler, sehr freier harmonischer Musik oder Musik, die von Farbenklängen dominiert ist, ist das natürlich viel schwieriger, als wenn da einD-Dur-Akkord steht, den ich mir sofort vorstellen kann. Der Weg zur Erarbeitung solcher Musik ist durchaus interessant, natürlich schwieriger, letztendlich aber fruchtbringender für alle Beteiligten. Und noch einmal: Es geht nicht darum, dass immer jedem alles gefällt. Man muss bereit sein, sich mit Dingen auseinanderzusetzen. Das macht man mit Sprache, Lebenskultur, Politik und Religion – in der Musik aber lässt man oft die Hände davon.


Johann Mösenbichler ist Universitätslehrer an der Anton-Bruckner-Privatuniversität in Linz. Seine Studien in den Fächern Klarinette, Saxofon und Dirigieren absolvierte er am Bruckner-Konservatorium in Linz und an der Hochschule für Musik in Wien. Konzertauftritte, die Arbeit als Gastdirigent sowie umfassende Vortrags-, Lehr- und Jurorentätigkeiten bei verschiedensten Seminaren, Workshops und Wettbewerben führten ihn bereits nach Asien, USA und in viele Länder Europas. Für seine Tätigkeiten erhielt Mösenbichler zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen. Im Jahre 2000 wurde er zum künstlerisch-wissenschaftlichen Leiter der Mid Europe in Schladming bestellt. Seit Mai 2006 ist Mösenbichler Chefdirigent des Polizeiorchesters Bayern.

  • 21.09.2011
  • Praxis
  • Johann Mösenbichler
  • Ausgabe: 9/2010
  • Seite 12-14

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