Dirigent Elias Kowalski über den Radetzky-Marsch: Sensibilisierung

Elias Kowalski (Foto: Bärbel Altendorf-Jehle)

Elias Kowalski, 23-jähriger Dirigent des Musikvereins Kirchentellinsfurt, erregte beim Jahreskonzert große Aufmerksamkeit. Er machte deutlich, dass es sich bei der üblichen Version des Radetzky-Marsches um einen nationalsozialistischen Verehrungsmarsch handelt. Kowalski präsentierte den »Marsch der Märsche« darauf­hin in einer von ihm bearbeiteten Originalfassung. Bärbel Altendorf-Jehle befragte den jungen Dirigenten nach seinen Beweggründen.

Warum beschäftigt sich ein junger Mensch mit der Geschichte von Märschen?

Als Musiker habe ich mir selten Gedanken über die Herkunft der Kompositionen gemacht. Mit meiner Tätigkeit als Dirigent übernahm ich die Verantwortung für die Programmauswahl. Inspiriert durch Nikolaus Harnoncourt (1929 bis 2016), Dirigent und Pionier der historischen Aufführungspraxis, setze ich mich seither mit dem Entstehungshintergrund der Werke auseinander.

Wie kam es zu der Auseinandersetzung mit dem Radetzky-Marsch?

Ein Freund des Musikvereins in Kirchentellinsfurt bat uns, den Radetzky-Marsch zu spielen. Er spendete die Noten. Daraufhin habe ich mich in die historischen Hintergründe eingearbeitet und bin auf einen besorgniserregenden Bezug zum Nationalsozialismus gestoßen.

Warum wurde der Radetzky-Marsch damals komponiert?

Er wurde mitten in den Wirren des Revolutionsjahres 1848 geschrieben. Demokratische und restaurative Kräfte standen sich gegenüber. Johann Strauss Vater (1804 bis 1849) hat den Marsch »zu Ehren des großen Feldherrn und der kaiserlich-königlichen Armee« für Sinfonieorchester komponiert.

Er wurde dem Feldmarschall Johann Joseph Wenzel Graf Radetzky von Radetz gewidmet. Dieser verhinderte durch verschiedene Schlachten den Zerfall des österreichischen Kaisertums.

Am 31. August 1848 wurde der Marsch in Wien uraufgeführt. Anlass war das »Siegesfest zu Ehren der tapferen Armee in Italien und zur Unterstützung der verwundeten Krieger«. Der Marsch war also eine Hymne für die Monarchie.

Worauf beruht der Radetzky-Marsch aus musikalischer Sicht?

Strauss hat zwei alte Wiener Volksweisen verarbeitet: das Tinnerl-Lied (»Mein Kind, mein Kind, ich bin Dir gut, ich schwör’s auf meinen Federhut«) und einen Alt-Wiener Tanz.

Wird dieser Marsch heute noch in der Fassung von 1848 gespielt?

Nein. Nahezu alle heutigen Interpretationen beruhen auf einer bearbeiteten Fassung von Leopold Weninger. Er war Leiter der NSDAP-Kreismusikstelle Leipzig und einer der einflussreichsten NS-Komponisten. Weninger bearbeitete den Radetzky-Marsch in den 1930er Jahren so, dass ein militaristischer Verehrungsmarsch für die NS-Ideologie entstand.

Zur Person

Elias Kowalski ist ein 23-jähriger Dirigent, Musiker, Komponist und Medizinstudent aus Baden-Württemberg. 2017 wurde er als Hornist Vizeweltmeister mit dem Landesblasorchester Baden-Württemberg.

Die Dirigentenausbildung »C3« absolvierte er 2016 mit 1,0 als Ausbildungsbester an der BDB-Musikakademie Staufen. Er hat bereits mehrere Blasorchester, Sinfonieorchester und Chöre dirigiert.

Momentan ist der mehrfache Preisträger musikalischer Leiter des Musikvereins Kirchentellinsfurt, macht den B-Schein »Leitung von Blasorchestern« an der Bundesakademie in Trossingen und studiert als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes im 6. Semester Humanmedizin an der Exzellenzuniversität Tübingen.

  • 02.10.2019
  • Szene
  • Bärbel Altendorf-Jehle
  • Ausgabe: 10/2019
  • Seite 42-44

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