Die Strebetendenz-Theorie: Warum Musik emotional auf den Menschen wirkt

Vor kurzem ist im Verlag »Cambridge Scholars Publishing« der dritte Band der Reihe »Music on Stage« erschienen. Darin schreibt das Ehepaar Daniela und Bernd Willimek über »Sound and Emotions: The Theory of Musical Equilibra­tion«. Übersetzt: Strebetendenz-Theorie. Warum Musik emotional auf den Menschen wirkt, war lange Zeit eines der größten Geheimnisse, besteht sie doch eigentlich nur aus leblosen Frequenzen. Emotionen entstehen durch Willensvorgänge? Das sollten die Willimeks genauer erklären.

Können Sie unseren Lesern erklären, was die »Strebetendenz-Theorie« bedeutet?

Bernd Willimek: Die Strebetendenz-Theorie ist ein Erklärungsmodell für die emotionale Wirkung musikalischer Harmonien. Die Grundaussage der Theorie ist, dass Musik nicht direkt Emotionen vermittelt, sondern zunächst nur Willensinhalte, mit denen sich der Musikhörer identifiziert. Erst durch den Vorgang der Identifikation erscheinen diese Willensinhalte emotional gefärbt. 

Das ist mit der Situation vergleichbar, wenn wir vor dem Fernseher sitzen und uns mit den Willensvorgängen unserer Lieblingsfigur identifizieren. Auch hier entstehen die Emotionen durch Identifikation. In der Musik gibt es jedoch keine konkrete Figur, mit der wir uns identifizieren. Die Identifikation ist hier anonym.

Die Willensvorgänge in der Musik haben etwas mit dem zu tun, was Musikwissenschaftler üblicherweise mit Begriffen wie Vorhalt, Leitton und Strebetendenz bezeichnen. Damit sind Töne gemeint, die angeblich nicht einfach nur klingen, sondern außerdem noch eine spürbare Tendenz zur Verwandlung in einen anderen Ton in sich tragen. Wenn wir diese Beschreibungen gedanklich ins Gegenteil umkehren, ergibt sich der Willensinhalt, mit dem sich der Musikhörer im Sinne der Strebetendenz-Theorie identifiziert. 

Dann strebt nicht mehr der Ton zur Veränderung, sondern der Hörer identifiziert sich mit dem Willen, den Ton unverändert beizubehalten. Auf diese Weise lassen sich die emotionalen Charaktere musikalischer Harmonien ra­tional erklären. So etwa der Ausdruck von Verzweiflung im verminderten Sept­akkord, das Gefühl des Staunens im übermäßigen Dreiklang oder das Gefühl von Geborgenheit in der Subdominante mit Sixte ajoutée.

Man spricht ja im Allgemeinen darüber, dass Musik Emotionen auslöst – stimmt das dann am Ende gar nicht?

Daniela Willimek: Musik an sich kann nicht direkt Emotionen auslösen. Wenn sie das könnte, müsste man auch erklären können, wie das funktionieren soll. Man muss sich bei dieser Frage bewusst machen, dass ­Musik – physikalisch gesehen – nichts anderes ist als schwingende Luft. Und wie sollte ein Luftmolekül, das einige Male in der Sekunde schwingt, ein bestimmtes Gefühl im Musikhörer auslösen? Da hilft es auch wenig, wenn man weiß, wie oft in der Sekunde das Luftmolekül schwingt.

Es gab immer wieder Versuche, den Reiz der Musik dadurch zu begründen, dass hier andauernd Hörerwartungen getäuscht würden, doch kann man so nicht erklären, wieso Musik Menschen mehr bewegt als beliebige andere Dinge. Auch Versuche, Emotionen beim Musikhören als Folge von Konditionierung zu erklären, brachten nicht den erhofften Erfolg.

  • 09.01.2019
  • Praxis
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 12/2018
  • Seite 20-22

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