Die Säulen der Musik - Eine fiktive und doch wahre Erzählung

Die Kunde von Fürst Walthers bevorstehender Vermählung mit Inghild von Schattenwald hatte sich schnell durch die Ländereien getragen und schon seit Tagen zogen Scharen von Menschen zu Walthers Burg »Hohenfried«. Er hatte den Ruf, ein gütiger, freigiebiger Herr zu sein und so drängten täglich Händler, Handwerker und Spielleute durch das Stadttor in der Hoffnung, wenigstens eine vorübergehende Anstellung zu finden.Das Fürstentum Walthers war groß und einflussreich, er herrschte über weite, fruchtbare Ländereien. Zu seinen Untergebenen war er gut und gerecht. Doch der Sommer war sehr verregnet gewesen und die Ernte fiel nicht wie erwünscht aus. Das führte dazu, dass viele Bauern und Kaufleute um ihre Existenz fürchten mussten. In Walthers Hochzeit mit Inghild sahen deswegen viele eine Chance, ihre Misere etwas zu lindern. Es sollte ein großes, ein umwerfendes Fest werden, da auch Inghild ein ansehnliches Vermögen mit in die Ehe brachte. Sie war ebenso wohlhabend wie schön. Mehrere hundert Gäste aus Adel und Klerus wurden erwartet und sollten über Tage hinweg verköstigt und unterhalten werden.So bevölkerten Handwerker den Burghof, die hofften, bei den Renovierungsarbeiten und Neubauten für die Festlichkeiten zum Einsatz zu kommen. Im Wohnturm sollten fehlende und marode Steine ersetzt werden. Der Trakt für die Hochzeitsgäste sollte erneuert werden. Und im Burghof sollte ein neuer üppiger Brunnen als Zeichen von Walthers Wohlstand geschaffen werden. Händler und Kaufleute kamen mit ihren Waren, bunten Stoffen, Wolle, Getreide und Naschwerk und boten sie in den überfüllten Straßen und Plätzen feil. Und auch Spielleute und fahrende Sänger bereicherten das bunte Treiben. Denn wer den Tag über schwer arbeitete, erfreute sich abends an Unterhaltung.

Frivole Abendunterhaltung

In den Wirtshäusern herrschte des Abends Hochbetrieb. Die einen, die eine Anstellung gefunden hatten, feierten ihren Erfolg und ihr Glück ausgiebig und gaben den ersten Tageslohn für herzhaftes Bier aus. Die anderen, denen weniger Erfolg beschieden war, spülten ihre Sorgen und Nöte ebenfalls mit dem guten Getränk hinunter. Und wenn sich nicht gerade wegen eines Zanks eine Wirtshausprügelei anbahnte, wurde ausgelassen mit den Spielleuten getanzt und gesungen.

Die Spielleute waren ein munteres Völkchen. Zu ihnen gehörten Gaukler, Possenreißer, Märchenerzähler, Sänger, Instrumentalmusiker, Tänzerinnen und Jongleure. Unter der großen Spielleuteschar befanden sich auch Klanghold, ein fahrender Sänger, und sein Bruder Dietrich, der ihn und seine Lieder meist auf Einhand-Flöte und Trommel begleitete. Klangholds Musik war beliebt in den Wirtshäusern, nicht zuletzt wegen der gewagten Texte. Besonders gefiel den Unterhaltungssuchenden zu später Stunde das Lied »Unter der Linden«, das Klanghold dereinst bei dem berühmten Walther von der Vogelweide gehört und sich gut gemerkt hatte. Darin sang er: »Unter der Linden an der Heide da unser zweier Bette was möget ihr finden schöne beide gebrochen Blumen und das Gras . . . Wie wir da lagen wüßt’ es einer (behüte Gott!), so schämt’ ich mich Weß wir da pflagen keiner, keiner erfahre das als er und ich und ein kleines Vögelein tandaradei das mag wohl verschwiegen sein.« Das gab jedes Mal wieder ein Gejohle im Raum, da wurde dem Nachbarn prustend auf die Schulter geklopft und das Bier vor Übermut verschüttet.

Klanghold und Dietrich spielten recht gern in den Wirtshäusern, denn der Verdienst war ordentlich. Wenn die Männer getrunken hatten und die Brüder ihre zweideutigen Lieder zum Besten gaben, da flogen ihnen oftmals nicht wenige Heller vor die Füße, die Klanghold und Dietrich dann in Windeseile auflasen, bevor der kleinwüchsige Possenreißer ihnen zuvorkam. Und doch hatten die beiden noch große Ziele. Wie die berühmten Minnesänger in ihren schönen, wertvollen Gewändern wollten auch sie an den adligen Höfen auftreten, die hohen Herren des Abends unterhalten, von deren Tisch essen und nicht auf harten Pritschen, sondern in den warmen Gesindehäusern der Burgen nächtigen. Dazu mussten die Brüder es aber zunächst in das Gefolge eines großen Minnesängers schaffen, bevor sie daran denken konnten, selbst irgendwann eine solch hohe Position einzunehmen. Und vielleicht war Klanghold und Dietrich das Glück hold, dieser Tage auf Burg Hohenfried. Denn es wurden einige der besten und bekanntesten Minnesänger zu den großen Feierlichkeiten zur Vermählung Walthers und Inghilds erwartet.

Die Minnesänger treten auf

Neidhart von Reuenthal, Ulrich von Lichtenstein und Heinrich von Meißen, der auch »Frauenlob« genannt wurde, trafen bald darauf am Hofe Walthers ein. Nicht nur Inghild von Schattenwald freute sich ob der Ankunft der Troubadoure, auch die Bewohner Hohenfrieds strömten zusammen, um die Herren zu bestaunen, von denen sie schon so vieles gehört hatten. Klanghold und Dietrich hatten sich ihren Weg durch die Menge bis ganz nach vorn gebahnt. Und ihre Hoffnungen sanken. Neidhart, Ulrich und Heinrich führten einen halben Hofstaat mit sich, darunter Trommler, Pfeifer, Dudelsackbläser, Fiedler, Pommerspieler und Krummhornisten. Noch bevor die Brüder die Gelegenheit beim Schopfe packen und einem der Sänger von Rang und Namen vorsprechen konnten, waren die mit ihrem Gefolge schon im Wohnturm Hohenfrieds verschwunden.

Das Innere des Wohnturms war behaglich, prächtige Teppiche schmückten die Wände des großen Saals, der Boden war mit frischem Stroh und Kräutern bestreut und im Kamin brannte ein wärmendes Feuer. Fürst Walther saß thronend auf seinem mit eindrucksvollen Schnitzereien verzierten Stuhl und empfing strahlend seine Gäste. Seine Braut Inghild war zwar über die Planungen der Feierlichkeiten unterrichtet, wurde aber gemäß der Tradition erst die nächsten Tage in Begleitung ihrer Familie erwartet. Um dem hohen Herren und Bräutigam eine Freude zu bereiten und um das hohe Salär zu rechtfertigen, brachte Ulrich von Lichtenstein auch alsbald eine Kostprobe seiner Kunst dar. »Ich bin hohen Muthes Hoher Muth so wohl mir thut Nichts gibt es so Gutes Als mit Züchten hoher Muth Hochgebornes schönes Weib Mag sich wohl erwerben Hochgemuthen Rittersleib Mit dem süßen Munde Sprach die Liebliche ein Wort Das seit jener Stunde Allen Kummer bannte fort . . . Von ihr hab’ ich Ehre Von ihr hab’ ich hohen Muth Noch gibt mir die Hehre Manches andre süße Gut . . . Habe von der Guten Leib und Gut und graden Sinn Der viel Wohlgemuthen Ritter ich mit Treuen bin Was sie will, das will auch ich Herrscherin und Fürstin Ist sie über mich.« Beifälliger Applaus klang durch den Saal, denn Ulrich hatte formvoll das Maß der hohen Minne gewahrt – anders als etwa Klanghold und Dietrich das des Abends im Wirtshaus taten. Denn die großen ehrvollen Minnesänger sangen nicht von der Erfüllung ihrer Liebe, ihnen ging es rein um die Verehrung der adligen Frau. Ihre Unerreichbarkeit war gewiss und Voraussetzung für das tugendhafte Werben um die Herrin. Im Wirtshaus ließ sich an eine Erfüllung denken, doch sicherlich nicht im Saal des Fürsten.

Auch die festbesoldeten Pfeifer und Bläser Fürst Walthers würden während der Festivitäten zur Hochzeit aufspielen. Ihr ureigentlicher Sinn war das Blasen bei Feldzügen, aber da Walther ein friedliebender Herr war, wurden sie zumeist bei Empfängen und Prozessionen und eben nun bei den anstehenden Vermählungsfeierlichkeiten eingesetzt. Den Einzug des Brautpaares in den großen Saal, in dem das Festbankett versammelt sein würde, würden die Instrumentalisten, bunt gewandet, mit Querpfeifen, Hörnern und Trommeln laut verkünden.

Während sich die Gesellschaft im großen Saal Hohenfrieds schon auf die anstehenden Vermählungsfestlichkeiten einstimmte, fanden auch andernorts musikalische Vorbereitungen für die Zeremonie statt. Im Kloster war Prior Bartholomäus in seine Kammer gegangen. Unter dem kargen Mobiliar befand sich ein großer, eisenbeschlagener Schrank, den er mit dem Schlüssel öffnete, den er Tag und Nacht unter seiner braunen Mönchskutte trug. Darin befanden sich die wertvollen Güter des Klosters – Kelche, Altarschmuck, Kerzenleuchter. Und die sieben Handschriften, die zum wertvollsten Klosterbesitz gehörten. Bruder Jakob war der Kunstfertigste unter den Schreibern des Klosters und hatte die Bücher in jahrelanger Arbeit mühevoll mit seinem Gänsekiel angefertigt und mit farbigen Zeichnungen verziert. Unter den Handschriften befand sich auch eine Liederhandschrift, in der verschiedene Gesänge der Mönche für die verschiedenen Abschnitte der heiligen Messe niedergeschrieben waren. Diesen Band nahm Prior Bartholomäus behutsam aus dem Schrank, verschloss ihn wieder und trug ihn ins Klosterkapitel, wo der Chor der Mönche schon wartete. Bartholomäus war der einzige der Brüder, der die neue Notenschrift auf Linien lesen konnte. Und auch wenn es sich für einen Mönch nicht ziemte, war er stolz darauf, ebenso wie er stolz darauf war, ein so neuartiges, fortschrittliches Musikkompendium zu besitzen. Was Bartholomäus eindeutig missfiel, war an das Hochzeitsgelage nach der Messe zu denken. Dort würden wieder Wein und Bier in Strömen fließen. Die Gäste würden sich der Völlerei hingeben und zur liederlichen Musik der Spielleute die schändliche Texte grölen oder gar dem anderen Geschlecht unsittlich nahetreten. Für Bartholomäus sollte Musik nur einen einzigen Beweggrund haben – nicht diesen.

Die Übestunden mit den Brüdern waren Prior Bartholomäus äußerst wichtig, denn während der heiligen Messe sollten die Stimmen der Mönche kraftvoll und erbauend zum Lobpreis Gottes erklingen – besonders bei einer so festlichen Zeremonie wie der Trauung Fürst Walthers mit Inghild von Schattenwald. Und so hatte er einen feierlichen Introitus zum Beginn der Messe ausgewählt: »Gaudeamus omnes in Domino, diem festum celebrantes sub honore Sanctorum omnium de quorum solemnitate gaudent Angeli, et collaudant Filium Dei.« – »Freuen wollen wir uns alle im Herrn einen Tag des Festes feiernd zur Ehre aller Heiligen Über ihre Festfeier freuen sich die Engel und lobpreisen den Sohn Gottes.« Die neue Notenschrift half Bartholomäus während der Chorstunde, denn sie gab ihm exakt Melodie und Rhythmus des »Gaudeamus omnes« vor, während mit der alten Schrift, den Neumen, nur Erinnerungsstützen gegeben wurden. Prior Bartholomäus war glücklich mit der Probe, die Mönche folgten seinen Anweisungen und sangen klar und gottesfürchtig. Sicher würde es eine Messfeier werden, die den Gläubigen und dem Brautpaar mitsamt den Familien noch lange in Erinnerung bleiben würde.

Die Vermählung Walthers und Inghilds muss eine eindrucksvolle Zeremonie im Dom gewesen sein, das Fest war sicherlich üppig und rauschend. Was aus den beiden sowie aus den Brüdern Klanghold und Dietrich und aus Prior Bartholomäus wurde? Es soll hier kein Märchen erzählt werden, all das Erzählte ist bewusst rein fiktiv. Und doch kann aus dieser Geschichte etwas bis in die Gegenwart verfolgt werden: die Musizierpraxis. Aus den beiden Polen der weltlichen und vor allem und insbesondere aus der geistlichen Musik entwickelte sich im Laufe der Zeit unsere abendländische Musikkultur. Wären die musikalische Denkarbeit und die Fortschritte in vielen Bereichen anders verlaufen, wäre unsere heutige Musikkultur sicher eine komplett andere. Und da wir zurecht stolz sind auf unsere Komponisten, früher sowie heute, und auf die Musik, die sie schrieben und schreiben, hat das »finstere« Mittelalter uns in gewissem Sinne doch Licht gebracht.

Anneliese Schürer

Das Mittelalter – musikalische Fakten

Das Mittelalter:

die Epoche zwischen Antike und Neuzeit, grobe Datierung: 6. bis 15. Jahrhundert, vorherrschende Gesellschafts- und Wirtschaftsform des Mittelalters war der Feudalismus, die Gesellschaft ist nach Ständen geordnet (Adel, Klerus und Bauern, Handwerker und Händler), die Geisteshaltung ist gläubig christlich.

Die Musik:

Drei Epochen gehören laut der Musikwissenschaft zum musikalischen Mittelalter:

  1. die Zeit der Gregorianik bis etwa 1100, in der die Musik vorwiegend einstimmig ist
  2. die Musik des 12. und 13. Jahrhunderts, in der die mehrstimmige Musik entwickelt wird (Notre-Dame-Schule)
  3. die Musik von etwa 1300 bis 1450, in der zunehmend unterschiedliche Stile in verschiedenen Ländern entstehen (Ars Nova, Trecento).

Die Notation:

Natürlich steht die Notation von Musik in direkter Verbindung mit ihrer Entwicklung. So kann auch grob das Fortschreiten der Notation mit den Epochen des musikalischen Mittelalters verbunden werden:

  1. Neumen: können keine exakten Tonhöhenhinweise geben, eine Aufzeichnungsform für Musik, die damit rechnet, dass die Sänger die Melodie ungefähr kennen, vermutlich aus den Dirigierbewegungen entstanden. Der Rhythmus war in den Neumen nicht erkennbar.
  2. Modalnotation: vermag zum ersten Mal in der Musikgeschichte relative Tondauern exakt darzustellen, ist eingeteilt in sechs rhythmische Modi. Rhythmus wurde durch unterschiedliche Gruppierung der Noten zu Ligaturen angezeigt, notiert wird auf einem Liniensystem, das auf Guido von Arezzo zurückgeht.
  3. Mensuralnotation: Lehre von den Proportionen, also den Verhältnissen der Notenwerte in den verschiedenen Mensuren, ermöglicht es nun, auch die kompliziertesten Rhythmen darzustellen, zum Grundbestand der Schrift zählen fünf Linien, Notenschlüssel und acht Notenzeichen, geht ab etwa 1600 fast nahtlos in unsere heutige Notation über.

Der Stand der Musiker:

einer der niedrigsten Stände der mittelalterlichen Gesellschaft, hoch angesehen sind nur die Musiktheoretiker und -wissenschaftler, nicht der Ausübende

Gregorianischer Choral:

einstimmiger, unbegleiteter, liturgischer Gesang der christlichen Kirche in Latein, die älteste schriftlich überlieferte Musik West- und Mitteleuropas

Geistliche Musik – Weltliche Musik:

Geistliche Musik war unbegleitete, zunächst nur einstimmige, erst später mehrstimmige Vokalmusik, sie diente rein dem Lobpreis Gottes. Weltliche Musik wurde ebenfalls gesungen, aber oft von verschiedenen Instrumenten begleitet, sie diente der Unterhaltung des niederen und hohen Volkes. Geistliche Herren äußerten oft ihre Bedenken gegenüber der weltlichen Musik, da ihnen Tanz und ausschweifendes Gebaren sowie die oftmals wenig zweideutigen Texte missfielen.

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  • 21.09.2011
  • Mainstory
  • 26-29

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