Die Oboe: Eine Annäherung an das herausragendste Orchesterinstrument

Zum Instrument des Jahres wurde die Oboe 2017 gekrönt. Über Instrumentenentwicklung, Repertoire oder Technik wurde deshalb schon viel geschrieben. Daher betritt CLARINO neue Pfade und geht auf die Suche nach dem Charakter. Wer ist die Oboe? Und was ist das Geheimnis der Oboisten?

Ein Klang, der ins Herz trifft

Im Rudel tritt sie nie auf. Sie hat die exponierteste Stellung unter den Instrumenten und ist Solistin in allen Besetzungen. Im Sinfonieorchester, im sinfonischen Blasorchester, im Kammerorchester oder in der Kammermusik. Überall ist die Oboe die alles überstrahlende Königin. Woran liegt’s?

Es ist ihr besonderer Klang, der alle in den Bann zieht und fasziniert. Andere Holz-blasinstrumente klingen homogen und mischen sich gemeinsam zu einem Klangfundament. Nicht so die Oboe – sie klingt hell, strahlend und durchdringend und sticht wie ein Leuchtfeuer aus dem Fundament heraus.

Wie ein kräftiges Rot aus einem wohltuendem Klanggemälde. Sie mischt sich nicht, sie geht geradeaus durch das Orchester. Deshalb ist sie es, die den Stimmton A vorgibt. Von allen hör- und auf den Punkt fassbar. Der Oboist Christian Lombardi sagt: »Schon eine Querflöte oder Klarinette wäre dafür nicht denkbar. Den Streichern wäre es nicht möglich, den Ton sauber abzunehmen.«

Albrecht Mayer, der mit seinen Solo-Alben die Oboe nach Heinz Holliger einem breiteren Publikum greifbar gemacht hat, wird nicht müde, in Interviews den Klang der Oboe mit der menschlichen Stimme zu vergleichen – mit der Vox Humana. »Sie trifft, wenn sie gut gespielt wird, ins Herz«, sagt er.

Wenn der französische Oboist und Hochschulprofessor François Leleux in einem früheren Interview mit dem Bayerischen Rundfunk von der Geschichte der Oboe und ihren Ursprüngen erzählt, betont er dort ihren Signalcharakter für die Menschen:

»Es war immer ein einfaches Instrument, mit dem man die Menschen alle auf dem zentralen Platz zusammenholen konnte. Wenn man auf diesem Instrument gespielt hat, haben das alle gehört.« Ihren Klangcharakter, ihre Klangstärke und ihre Strahlkraft unterstreicht er mit der Hypothese: »Man braucht 400 Geigen, damit man den Ton der Oboe wirklich nicht mehr hören kann.«

Nationale Klangunterschiede

Nun ist dieser ausdrucksstarke und ja – fast – dominante Klang kein internationaler Einheitsbrei. Bei einer Geige oder bei einer Querflöte ist kaum hörbar, wo die Ursprünge des Instrumentalisten liegen. Bei der Klarinette ist oft nicht klar, ob der Solist ein Instrument mit deutscher Griffweise oder mit Böhm-System spielt.

Nicht so bei der Oboe – bei ihr sind sogar für einen Laien die Unterschiede hörbar, so eklatant sind sie. Selbst Dieter Bohlen lässt sich 2015 bei »Das Supertalent« von einem elfjährigen Mädchen vom Klang der »Wiener Oboe« überzeugen.

Sie ist der Paradiesvogel unter den Oboen. Sie hat ein anderes Aussehen, ist anders gebaut, klingt anders und hat sogar andere Griffe. Zum Einsatz kommt sie nur in Wien und bei den Wiener Philharmonikern.

In den USA seien, so Christian Lombardi, die Rohre anders und auch die Mundstellung, sodass man damit mehr Dynamik machen könne. Dieser »amerikanische« Klang ist sehr in der Popkultur zu hören.

Die US-Streamingserie »Mozart in the Jungle« hat einen Dirigenten und eine Oboistin als Protagonistenpaar und viele Popsongs sind mit dem amerikanischen Klang der Oboe gewürzt – wie »I got you Babe« von Sonny and Cher oder »Twist in my Sobriety« von Tanita Tikaram. Sogar die Rolling Stones nutzten den Klang der Oboe.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Oboe & Co.: Über das hohe Holz":

  • 25.03.2018
  • Schwerpunktthema
  • Christine Engel
  • Ausgabe: 4/2018
  • Seite 22-27

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