»Die Luft einfach rauslassen« - Eine Podiumsdiskussion zum Thema »Atmung«

  • 21.09.2011
  • Sinfonisch
  • Ausgabe: 6/2005
  • Seite 46-47

Klang, Lautstärke und Musik brauchen Luft zum Leben. Die Luft ist das Medium, um Musik möglich zu machen.« Mit diesen Worten eröffnete Professor Johann Mösenbichler die clarino-Podiumsdiskussion zum Thema »Atmung« bei der Musikmesse Frankfurt 2005. Teilnehmer waren Joachim Kunze, Trompeter und Leiter der Brass Akademie in Bad Nauheim, Volker Dubowy, Diplom-Musiker aus Wiesenbach-Oberegg, und Walter Brusniak, Trompeter und Terlusolloge aus Mannheim. clarino.print präsentiert hier in Auszügen, was diese zu sagen hatten.Johann Mösenbichler: Die Atmung als Notwendigkeit, Klänge nicht nur zu erzeugen, sondern vor allem zu beeinflussen. Wie haben Sie das in Ihrer Ausbildung erlebt? Was haben Sie für Mittel und Hilfestellungen mit auf den Weg bekommen, Atmung bewusst zu erleben?Joachim Kunze: Ich habe in Mainz bei Malte ­Burba studiert, dessen Hauptthema ja auch die Atmung ist. Was ich bei Malte gelernt habe, habe ich dann für mich im Laufe der vergangenen fast 20 Jahre weiterentwickelt. Gerade im Jazz, beim Improvisieren und Phrasieren, ist die Atmung unglaublich wichtig. Man kann unwahrscheinlich viele Soundeffekte machen. Die Atmung ist eigentlich wie beim Leben das Wichtigste. Und wie man ausatmet, so klingt dann auch das Instrument. Ich glaube, das ist bei jedem Blasinstrument gleich, egal ob Trompete, Posaune, Tuba oder Klarinette.Volker Dubowy: Es wird mir nichts nützen, wenn ich weiß, dass die Atmung sehr wichtig ist. Es sollte am Instrument hörbar sein, oder eben bei der Stimme merkbare Vorteile für mich bringen. Ich habe eine Verbindung herausbekommen, die sehr stark mit der Resonanz zu tun hat. Wenn man jetzt versucht, sich das dreiteilig vorzustellen, dass wir eine Basisresonanz haben – an der Hüfte –, eine Brustresonanz und eine Kopfresonanz. Wenn wir diese drei Resonanzbereiche mit dem Rücken in Verbindung bringen, dann sind wir schon auf einen sehr interessanten Aspekt der Resonanzübertragung gestoßen. Wenn ich diese Wirbel resonieren lasse, dann habe ich als Folge davon einen besseren Klang. Wenn ein Wirbel abgeklemmt wird – etwa am Hals –, dann klingt dieser Kopfbereich nur teilweise. Es ist tatsächlich so, dass man meistens hinten am Nacken Verspannungen hat oder unten in der Hüftregion. Dort sind irgendwo Wirbel verspannt und die klingen nicht.Walter Brusniak: Atmung macht 95 Prozent aus, fünf Prozent sind dann Technik und Ratio. Aber mit der Luft kann ich eigentlich alles machen, was ich zum Instrument-Bedienen oder Stimme-Bedienen brauche. Das Problem ist, die meisten fangen an ein Instrument zu spielen nach dem Motto: »Blas mal rein«, das heißt ohne vernünftige Anleitung. Da kann es schon passieren, dass man in der ersten Stunde eine Fehlerkaskade startet und eigentlich nie mehr dazu kommt, vernünftig zu spielen. Das hat einfach damit zu tun, dass die biomechanischen Möglichkeiten eines Menschen einfach so individuell sind, dass ich da nicht nach einem Rastersystem durch­gehen kann. Gerade bei dem »Guck, bei mir funktioniert es ja auch« kann das Problem sein, dass ich über die Spiegelneuronen, mit denen ­jeder Mensch ausgestattet ist, es einfach lerne: durch hingucken, durch abgucken, durch hören. Damit ist dann das Domino gestartet...Johann Mösenbichler: Es drängt sich in mir die Frage auf: Gibt es eine einzig richtige Atemtechnik für alle Instrumente?Volker Dubowy: Es gab bestimmte Entwicklungen, die bahnbrechend waren. Die Leute haben das nicht überprüft. Wir haben alle viel Zeit verwendet für die Technik, unser eigenes Gefühl ist uns aber verloren gegangen. Wir haben gemeint, wir müssten das genauso machen wie der Kollege. Wir haben ihn gefragt: Wie machst du das? Ich muss aber alle Motive sammeln von guten, von sehr guten Leuten. Dann erst hab ich diesen runden Aspekt in meinem Spiel. Wenn Sie jetzt alle hier so sitzen und den Bauch anspannen und sich aufrecht hinsetzen. Drehen Sie sich zum Nachbarn und sagen Sie guten Tag. Beim einen hört sich das so an, beim anderen anders. Sie hören in der Stimme ihre Atembelastung. Und die sitzt im Kehlkopf, dort, wo Sie es nicht vermuten. Da spüren Sie es aber nicht, weil Sie mit dem alten Atemmuskel die ganze Zeit schon so rumlaufen. Walter Brusniak: Wir müssen das individuell betrachten: Es geht nicht, dass wir hier alle über einen Kamm scheren. Bei mir war das damals so, man brauchte ungefähr zwei Atü bei einer schweren Stelle bei »Electra«. Da hat’s dann einfach »Knall« gemacht. Und ich konnte sagen: Das war die falsche Technik. Johann Mösenbichler: Die Frage »Wie kann ich richtige oder falsche Atmung feststellen?« ist eine ganz spannende Herausforderung für jeden Pädagogen. Wie machen Sie das?Joachim Kunze: Ich lasse jemanden etwas vorspielen – dann hört man schon meistens am Klang, ob da eine gute oder eine schlechte Atemtechnik vorliegt. Die Fähigkeiten, gut zu ­atmen, hat jeder. Wenn ich jetzt beispiels-weise alle Leute, die hier sitzen, joggen lasse – nach zehn Kilometern wird der eine schneller sein, der andere langsamer. Und genauso hat ­jeder die Fähigkeit, ein- und ausatmen zu können. Und wie beim Joggen kann man das trainieren. Volker Dubowy: Ich schaue mir den »inneren Standpunkt« an. Der rutscht bei gestressten Menschen viel zu schnell nach oben. Das Zwerchfell kann man sehr schlecht beeinflussen. Ich verwende immer Tricks dazu. Ich lasse den Spieler aufstehen und schaue mir den Schwerpunkt an. Der befindet sich oberhalb des Schlüsselbeins. Dort zirkuliert dieser Stress hin und her. Jetzt muss ich versuchen, diesen Standpunkt so zu verändern, dass er ein besseres Spielgefühl bekommt. Dann klingt tatsächlich das Instrument merklich besser. Walter Brusniak: Terlusollogen gehen davon aus, dass sich die Menschen in solare und lunare Menschen unterscheiden. Zum Tragen kommt da erst einmal die Körperhaltung. Der eine, der sitzt vor den Sitzhöckern, der andere sitzt auf den Sitzhöckern. Der gesamte statische Aufbau im Körper ist unterschiedlich und auch die Aufhängung des Kehlkopfes und des gesamten Atem­apparats funktioniert anders. Hab’ ich das falsch abgeguckt, falsch gesehen, falsch gelehrt bekommen, dann habe ich ein Problem.Johann Mösenbichler: Sind die hohen Töne leichter zu spielen oder mit weniger Lippendruck, wenn die Atmung entsprechend funktioniert?Joachim Kunze: Es gibt ja viele Leute, die sagen: »Guck mal, ich komme bis zum g3.« Und dann spielen sie, und ab dem c3 hat man Angst, dass gleich der Kopf platzt. Das passiert, wenn die Luft nicht fließt. Wenn die Luft fließt, dann lassen sich die hohen Töne auch leichter spielen. Die Luft, die reinkommt, muss auch wieder raus. So einfach ist das. Man muss sie einfach nur rauslassen.Walter Brusniak: Ein ausgeglichener Muskel­tonus gehört dazu. Gerade der Kehlkopf ist ein ganz, ganz empfindliches Organ. Und wenn der nicht locker ist, habe ich keine Chance. Eine Verkrampfung kann im kleinen Zeh losgehen und sich auf den Kehlkopf auswirken. Das ist ein Domino-Effekt.Johann Mösenbichler: Wie wichtig sind Sonderformen der Atmung, zum Beispiel Zirkularatmung?Joachim Kunze: Zirkularatmung braucht man – musikalisch gesehen – nicht unbedingt. Dem einen mag sie helfen, dem anderen nicht. Wo man sie braucht, ist beim Didgeridoospielen. Ich hab’ mal in Melbourne Aborigines spielen sehen, ich wusste nicht mehr, wo die atmen, das war unglaublich. Didgeridoo spielen hat zudem eine sehr beruhigende Wirkung durch diese tiefen Schwingungen. Man fühlt sich sehr entspannt danach.Volker Dubowy: Das kann ich bestätigen. Der Kehlkopf wird sehr entspannt. Diese Fehlmeinung – ein Trompeter soll niemals Didgeridoo spielen – stimmt nicht. Ich empfehle jedem, der verspannt ist oberhalb vom Hals – etwa wenn diese Muskulatur zu lange und zu stark beansprucht wurde –, mal in ein Didgeridoo hineinzublasen. Man kann natürlich alternativ in einen Baumarkt gehen und sich ein anderthalb Meter langes Rohr kaufen, ein Abflussrohr. Gibt’s in ­jedem Baumarkt. Man wird sich wundern, wie locker der Kehlkopf sein kann.Walter Brusniak: Ich bin ein wenig anderer Meinung. Die Zirkularatmung ist auf der einen Seite eine Zirkusnummer, was die Trompeter oder die Blechbläser angeht. Wir brauchen es in der Literatur eigentlich nicht. Wenn ich den »Hummelflug« spiele, und will den spielen, bis ich am Schluss fertig bin, sagen alle: »Boah, wie hat er das gemacht?« Das meine ich mit Zirkusnummer. Wofür ich es aber trotzdem gerne unterrichte und sage: »Probiert das aus«, ist schlichtweg die Sache: Wenn es reflektorisch so funktioniert, komme ich für meinen Typus ganz automatisch auch in den normalen Atemrhythmus rein. Es ist im Übrigen auch gar nicht so schwer, wie es vielleicht aussehen mag. Es gibt ganz tolle Einleitungen, wie man das mit einem Wasserglas und einem Strohhalm schon ganz gut hinbekommt. Man kann es auch ganz nett ausprobieren, wenn man einen Luftballon aufbläst, den Mund dann zulässt und die Luft dann wieder aus der Nase rauslässt. Johann Mösenbichler: Worauf soll man bei Kindern bei der Atmung besonders Wert legen? Joachim Kunze: Das ist immer eine Frage des ­Alters. Ein Sieben- oder Achtjähriger, der un­bedingt Trompete spielen will, wird sich nicht hinstellen und zu Hause irgendwelche Atemübungen machen wollen. Man sollte einfach gucken, dass grundlegend nichts Falsches passiert. Das Kind sollte möglichst nicht verspannt sein beim Einatmen, denn je entspannter die Person beim Einatmen ist, desto mehr Spannung kann sie beim Ausatmen aufbringen. Ich bin kein Freund von irgendwelchen langen Übungen. Das kann man machen, wenn die ­Leute sich mal ein bisschen mehr für das Instrument interessieren. Ein Kind, das anfängt, will »Hänschen klein« spielen.Volker Dubowy: Ich würde versuchen, dem Schüler das Gesamtkonzept nahezubringen: nicht zu kompliziert und nicht zu einfach. Motivation ist das Zauberwort. Der Schüler soll motiviert sein, den Lehrer nachzuahmen – die Spiegelneuronen einschalten sozusagen. Die Motivation ist bei den Schülern individuell gelagert. Wird er zum Unterricht geschickt oder will er von alleine Trompete spielen? Das ist ein entscheidender Unterschied.Walter Brusniak: »Der Lehrer sollte das Buch sein, in dem die Schüler lesen.« Ein guter Lehrer achtet schon mal darauf, dass er nicht mit den gängigen Schulen anfängt, wo das tiefe C der wichtigste Ton ist. Denn den kriegen die Schüler auf alle möglichen Arten raus. Andernfalls hat man unter Umständen schon einen Grundstein gelegt, den man fast nie mehr wieder wegkriegt. Diesen und weitere Artikel zum Thema Ansatz, Atmung und Stütze finden Sie in clarino.extra Band 8 "Übemethodik für Bläser".

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