Die Kraft der Musik - Thomas Clamor ist neuer Chefdirigent des Rundfunk-Blasorchesters Leipzig

Wenn der Posaunenchor nicht gewesen wäre, würde ich hier wahrscheinlich heute nicht sitzen«, meint Thomas Clamor, designierter Dirigent des Rundfunk-Blasorchesters Leipzig. Die Wiege seiner Musikbegeisterung steht in Ostwestfalen. Die Frage, warum er denn bitteschön von den Berliner Philharmonikern, einem der weltbesten, renommiertesten Sinfonieorchester, zum Rundfunk-Blasorchester Leipzig, dem einzigen professionellen zivilen Blasorchester Deutschlands, geht, wurde ihm in den vergangenen Monaten ständig gestellt. Und nicht nur deshalb kann er sie nicht mehr hören. Die Frage beinhaltet auch in einer gewissen Weise die Geringschätzung des RBO, ja des Mediums Blasorchester. Und das ist der zweite Grund, warum er die Frage nicht mag. Und trotzdem muss er sie sich gefallen lassen. Doch weil er von seiner Entscheidung mehr als überzeugt und zudem Profi durch und durch ist, beantwortet er diese Frage trotzdem immer wieder. Nicht genervt, sondern freundlich, geduldig und vor allem nachvollziehbar für den Fragesteller.

Als Zehnjähriger bat Thomas Clamor um Aufnahme in den örtlichen Posaunenchor. Der Individualunterricht im Vorfeld war grandios gescheitert. »Das hatte mir so viel Spaß gemacht, dass der Lehrer bei meinem Vater anrief und meinte, er solle das Geld lieber ans Rote Kreuz spenden«, lacht Clamor. Der Posaunenchor war also Plan B, wobei das Posaunenchorwesen in Ostwestfalen als Hochburg bezeichnet werden darf. Allein Bad Oeynhausen hat zwölf Chöre. In der Jungbläsergruppe fühlte er sich sofort wohl. »Wir waren zehn Jungs in meinem Alter – ein Traum.« Nicht nur zu Konzerten, auch zum Üben ist Thomas Clamor immer in die Kirche gefahren.

»Klang ist für mich ein ganz großes Thema. Ich bin ein richtiger Klangfetischist. Zu Hause konnte ich wenig spielen, denn die Wohnzimmer- und Abstellraumakustik fand ich schon damals grauenhaft.« Und der örtliche Pastor hat das mitgemacht. Anfangs – »da war ich zehn oder elf« – sei der noch etwas skeptisch gewesen, was denn der Junge da allein in der Kirche mache, doch nach einem Jahr bekam Thomas Clamor seinen eigenen Kirchenschlüssel. Und konnte üben, wann er wollte. Mit Begeisterung erzählt der 46-Jährige, wie er dann mit einfachen Chorälen die Gottesdienste mitgestaltete. »Auch wenn da teilweise nur 50 Leute im Gottesdienst waren, hat mir das Spaß gemacht.« Denn wenn die meist älteren Besucher fröhlich waren, hatte auch Thomas Clamor ein gutes Gefühl. Der neue RBO-Dirigent ist heute noch überaus froh, dass es damals Menschen gab, die sein Talent gefördert und seine Leidenschaft entfacht haben. »Das muss ein Pädagoge beides beherrschen – wie ein Maler, der eine Grundausstattung an Farben hat und nun sehen muss, dass er diese mischt.«

 

Komponist Bert Appermont zu seiner Oper »Katharina von Bora«

Wie erging es dir mit der Oper »Katharina von Bora«?

»Katharina von Bora« ist meine erste Oper, die ich komponiert habe. Ich habe vor zwei Jahren ein Oratorium komponiert und davor einige Musicals, sodass ich im Komponieren von Vokalmusik schon geübt war. Eine Oper ist zwar anders, aber der Auftrag vom RBO Leipzig war es, eine konzertante Oper zu schreiben, sodass das Werk als konzertantes Stück, aber auch als komplette Oper aufgeführt werden kann. So war der Unterschied zum Oratorium in diesem Fall nicht so groß. Vor allem für

Jef Mellemans, den Librettisten, war es schwierig, zwei Versionen zu schaffen, da er sichergehen muss, dass das Publikum immer alles versteht. Gleichzeitig sollte der Schwerpunkt auf dem Dramatischen und den Emotionen liegen, sodass reine Informationen zur Geschichte im Text nicht alleine wichtig sind.

Wie weit bist du mit dem Komponieren?

Das Libretto ist fertig und es ist fantastisch, damit zu arbeiten. Das Komponieren geht sehr gut voran und ich denke, es wird eine sehr kraftvolle Musik. Bis jetzt habe ich etwa 55 Minuten geschrieben. Der eigentliche Auftrag war eine Länge von 45 Minuten, aber das Libretto verlangte von mir, mehr Musik zu schreiben. Ich habe mein Material anhand des Textes entwickelt, sodass die Oper mir sagt, wie lange sie sein muss und nicht anders herum. Der Nachteil dabei ist, dass es so viel mehr Arbeit ist. Aber ich will höchste Qualität. Ich habe noch zwei von sieben Sätzen zu komponieren, die aber noch sehr anspruchsvoll sind, denn die letzten Sätze müssen die besten sein. Ich hoffe, dass ich spätestens Ende Juli damit fertig bin.

Wie ist das Werk für dich geworden? Liegt dir das Thema?

Als das Thema vorgeschlagen wurde, war ich nicht sicher, wie ich damit umgehen sollte. Doch dann habe ich meinen guten Freund Jef Mellemans um Hilfe gefragt und ihn gebeten, das Libretto zu schreiben. Er hat sehr viel dafür geforscht. Aber da er Theaterdirektor ist, wusste er, wie man eine historische Geschichte tiefgreifend inszeniert. Die Gefahr dabei ist, historische Fakten einfach aneinanderzureihen, anstatt die emotionalen und dramatischen Elemente darzustellen. Musik zu Worten zu schaffen, die nur einen informativen Wert haben, ist für einen Komponisten sehr schwierig. Aber Jef hat einen guten Weg gefunden, die notwendigen historischen Fakten einzubringen, aber den Fokus generell mehr auf die universale Dimension der Geschichte gelegt. Jef und ich wollten die Oper universal machen, denn jeder soll sich in den Figuren der Geschichte wiederfinden können. Durch die Zusammenarbeit mit Jef in der Vergangenheit habe ich meine beste Musik geschrieben, denn er weiß, Stellen im Text so offen zu lassen, dass die Musik sprechen kann. Er versteht es perfekt, Dinge anzudeuten, ohne sie auszusprechen. Wenn ich seine Worte lese, kommt die Musik einfach zu mir. Das ist eine wirklich gute Synergie!

Warst du bereits bei Proben des RBO dabei?

Leider hatte ich bisher noch keine Gelegenheit, eine Probe des Orchesters mitzuerleben. Daher bin ich sehr gespannt, das Ergebnis zu hören. In meinem Kopf und auf meinem Computer klingt es sehr gut, so hoffe ich, dass die Musiker und Zuhörer diese Meinung teilen werden. Der Stil ist ansprechend, ich habe versucht, eine musikalische Sprache zu finden, die optimal zu diesem Projekt passt: Bach-Einflüsse sind manchmal erkennbar, mit modalen Elementen, manchmal tonal, manchmal aber auch atonal oder dissonant. Ich benutze Dissonanzen immer als dramatisches Element, um Spannung zu erzeugen, wenn die Situation es verlangt.

Wirst du bei der Uraufführung dabei sein?

Ja, ich werde da sein. Ich werde auch vorher schon bei Proben dabei sein und werde dem Orchester dabei helfen, die Musik so zu spielen, wie sie gemeint ist.

Wie sieht es mit der Besetzung aus?

Die Oper ist für die Besetzung des RBOs instrumentiert, also ohne Saxofone, dafür mit Flügelhörnern und Tenorhörnern. Es hat ein paar Wochen gedauert, mich daran zu gewöhnen, aber nun ist es kein Problem mehr. Allerdings werde ich eine Version für Blasorchester in Standardbesetzung instrumentieren, wenn alles fertig ist. Ich denke, das wird kein großes Problem sein, da der Unterschied nicht sehr groß ist.

Wieso ist das RBO das richtige Orchester für diese Oper?

Es ist fantastisch, dass ein Ensemble mit dieser hohen Qualität diese Musik spielen wird. Ich kenne das Orchester seit vielen Jahren und habe großen Respekt vor dessen Arbeit. Die Aufnahmen, die es macht, sind immer sehr gut. Die Musiker haben ein sehr hohes Level, Musik zu machen und motiviert zu bleiben, was nicht immer einfach ist für professionelle Musiker.

Ich habe auch einen sehr guten Kontakt zum neuen Dirigenten des RBO, Thomas Clamor. Ich habe den Eindruck, dass er ein leidenschaftlicher Musiker ist und die richtige Person für mich, um mit ihm für dieses Projekt, aber auch in der Zukunft zusammenzuarbeiten. Es gab schon immer einen guten Kontakt zwischen mir und dem RBO, sodass ich nun sehr glücklich bin, dass sie mich wegen dieser Oper gefragt haben. Ich mache alles dafür, dass dieses Projekt unvergesslich wird.

In welchem Verlag erscheint das Werk?

Das RBO hat für drei Jahre die Exklusivrechte, dann wird Beriato das Werk veröffentlichen.

Können auch durchschnittliche Musikvereine die Oper spielen?

Der Schwierigkeitsgrad liegt bei 5 bis 6, daher ist es eher nicht für durchschnittliche Orchester geeignet. Aber ich versuche es ein wenig einfacher zu machen als mein Oratorium, besonders den Chor-Part. Ich denke, ein Orchester mit Level 5 kann die Oper problemlos spielen. Man braucht dafür natürlich gute Musiker, aber es ist funktionale Musik. Das bedeutet, dass man mit diesem Stück das Publikum leicht beeindrucken kann.

(Interview: Katja Brunk)


  • 21.09.2011
  • Mainstory
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 7-8/2010
  • Seite 30-34

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