Die Kegeloboe

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Eines der erfolgreichsten Blasinstrumente der Welt ist die Kegeloboe: doppeltes Rohrblatt, zylindrischer Körper, trichterförmiger Schallbecher. 

Die Kegeloboe in verschiedenen Religionen

Vorfahren dieses Instruments gab es schon in frühgeschichtlicher Zeit in Ägypten, Mesopotamien, Indien oder Griechenland. In der christlichen Welt war das laute, expressive, ekstatische Rohrblattspiel lange Zeit aber als heidnisch und teuflisch verpönt. Die Kirche nannte die Schalmei »fistula mortis« – Todespfeife. 

In anderen Religionen gilt der durchdringende, »kreatürliche « Oboenklang dagegen als Ausweis von Kultur. Durch den Islam verbreitete sich die Kegeloboe im Mittelalter bis Spanien, Westafrika, Innerasien und Indonesien – und mit den Spaniern kam sie dann auch nach Mittelamerika.

Ob bei Hochzeiten, Trauerfeiern, Gottesdiensten, Prozessionen, Wettkämpfen oder beim Bauchtanz – die Kegeloboe erklingt überall, wo Menschen zusammenkommen, um soziale Rituale zu feiern. Das gilt nicht nur in der islamischen Welt, sondern auch in den buddhistischen Klöstern von Tibet und den hinduistischen Tempeln von Varanasi.

Verschiedene Bezeichnungen

In der Türkei und in Griechenland heißt die Kegeloboe Zurna – das Wort kommt wohl aus dem Persischen und bedeutet so viel wie »Hornflöte«. Dieser Name »Zurna« hat das Instrument durch viele Zeitalter und Kulturen begleitet. Bei den Kurden heißt es Zirne, im Iran Tsurnay, im Irak Zamr, in Afghanistan Sorna, in Ägypten Mizmar, auf dem Balkan Zurla, in Tunesien Zukra oder Zammarah. Auch in Mittel- und Ostasien ist der Name gebräuchlich, dort in den Formen Surna, Surnai, Shenai, Sarunai, Sarune, Suona. 

Bestimmte Bauformen tragen dagegen landestypische Namen wie Horanava (Sri Lanka), Gya-Ling (Tibet), Tangmuri (Nordindien), Taepyongso (Korea), Hné (Myanmar), Ken (Vietnam) oder – die größte aller Kegeloboen – Nagashvaram (Südindien). 

In Marokko, Spanien und selbst in Kamerun findet man die Bezeichnung Ghaita bzw. Alghaita. In Europa kennt man zum Beispiel die Bombarde (Bretagne), die Sopila (Kroatien), die Gralla (Katalonien) und die Ciaramella (Italien). In Guatemala heißt die Kegeloboe Xirimia.

Gespielt mit doppeltem Rohrblatt

Das doppelte Rohrblatt – zwei gegeneinander schwingende Blättchen – wird traditionell aus Bambus, Schilf oder Palmblatt gefertigt. Das Anblasen erfordert hohen Druck. In manchen Traditionen wird das Rohrblatt so tief in den Mund eingeführt, dass es beim Blasen gar nicht mit Zähnen und Lippen in Berührung kommt – ein Ring ums Holz dient als Lippenstütze.

In anderen Kulturen ist dagegen die Manipulation des Rohrblatts beim Spielen gerade entscheidend. Der mazedonische Zurna-Virtuose Mitsos Hindzos (1908 bis 1995) sagte: »Als ich noch Zähne hatte, biss ich ein wenig aufs Rohrblatt, und zack! hatte ich den Ton, den ich wollte.« 

Aussehen und Tonerzeugung

Der Körper der Kegeloboe besteht in der Regel aus hartem Holz, häufig vom Pflaumen-, Kirsch- oder Wacholderbaum. Die mittel- und ostasiatischen Varianten des Instruments werden häufig sehr kunstvoll gestaltet. Ihr Holz ist mit Verzierungen gedrechselt, bunt lackiert oder mit Bändern geschmückt, der Trichter oft aus Messing geformt. 

Eine besondere Bedeutung für den Klang der Kegeloboe wird den »Teufelslöchern« zugeschrieben, kleinen seitlichen Schallöffnungen im Trichter des Instruments. 

Typisch für das traditionelle Spiel der Kegeloboe ist die Zirkularatmung, die einen nicht abreißenden Klangstrom erlaubt. Diese Praxis verrät, dass Zurnamusik ursprünglich Bordunmusik ist. Der Orgelpunkt (»drone«) wird von einem zweiten Zurnabläser »gehalten« oder von der Doppelfelltrommel (Dhol, Dauli, Davul) markiert.

Die Kombination Davul und Zurna findet sich in vielen traditionellen Oboen-Kulturen zwischen Balkan und Indonesien. Sie ist auch als große Besetzung gebräuchlich, etwa im osmanischen Militärorchester (»mehterhâne«) oder in der Trancemusik der Sufis (Marokko). 

Die Kegeloboe ist aber nicht auf solche Genres festgelegt. Im 20. Jahrhundert erklangen auf ihr auch westliche Schlager (Mitsos Hindzos), indische Ragas (Bismillah Khan) oder Jazz (Charlie Mariano, Dewey Redman).

  • 24.06.2019
  • Bläsermythen
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 5/2019
  • Seite 52

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