diavolo in musica - ein porträt des komponisten peter wesenauer

Wer schon einmal im tiefsten Winter den Weltkulturerbeort Hallstatt im österreichischen Salzkammergut besucht hat, dem ist die folgende Situation vertraut: Man stapft einsam die Seestraße entlang, meterhohe Schneewände links und rechts lassen den Ort noch enger und kleiner erscheinen, als er ohnehin schon ist; vom See steigen dampfende Wolken auf; sieht man ihnen nach und reckt den Kopf über die Düsternis des Kessels, in dem Siedlung und See eingebettet sind, hinauf, entdeckt man, dass der Himmel strahlend blau ist und anderswo wohl die Sonne scheinen mag. Nicht so in Hallstatt. Keine Sonne im Winter, kaum ein Gasthaus, an dessen Tür nicht ein »Geschlossen«-Schild hängt, auf dem Friedhof wohl mehr Menschenseelen als auf der Hauptstraße.

Wer hartnäckig genug ist und unbeirrt bis zum Marktplatz weiterspaziert, wird einer kleinen Kostbarkeit fündig werden: Tagein, tagaus, zu jeder Jahreszeit findet man dort eine winzige Bar geöffnet, die den Hallstättern ein zweites Wohnzimmer ist. Hier sind Düsternis und Winterdepression wie weggeblasen, hier wird fabuliert und lauthals gelacht, hier wird politisiert und die Gerüchteküche zum Brodeln gebracht, hier wird getrunken und gesungen, und so dann und wann einmal zu später Stunde der Teppich zur Seite gerollt und Flamenco getanzt. Neben der Bar hängt ein Notenblatt an der Wand, betitelt mit »Last Order«, davor lehnt Peter WesenAuer, dessen Schöpfer, an der Theke und nimmt seinen täglichen Mittagskaffee zu sich, dem er schließlich einen Grappa hinterherspült – natürlich nicht, ohne vorher der Wirtin Ruth Zimmermann zugeprostet zu haben. Ihr zu Ehren entstand auch die Komposition, deren Einspielung vom Tonband allabendlich die nimmermüden Nachteulen auffordert, ihre letzten Getränke zu ordern und dann das Weite zu suchen. So einfach ist es also, in den Hörgenuss eines echten »WesenAuers« zu kommen.

 

  • 21.09.2011
  • Sinfonisch
  • Brigitte Scheutz
  • Ausgabe: 3/2004
  • Seite 10-13

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