Der Swing-Rhythmus: Ein »heiteres Uhrwerk«

  • 01.03.2018
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 3/2018
  • Seite 30-31

Wer an Jazz denkt, hat meistens diesen unwiderstehlichen Rhythmus im Kopf. Swingende vier Viertel, ein federnder »Walk«, ein fließender Schwung, befeuert von Akzenten neben dem Beat. Der Musikwissenschaftler Jan Slawe schrieb vor 70 Jahren: »Das Erlebnis des Swing-Rhythmus ist sensomotorischer Art und deshalb echter, natürlicher und aufrichtiger als jedes andere intellektuelle Erlebnis.«

Die Geburtsstunde des Swing

Marshall Stearns begann die Swing-Ära am Abend des 21. August 1935. Damals eröffnete das Orchester des Klarinettisten Benny Goodman sein Gastspiel im Palomar Ballroom von Los Angeles. Tausende von begeisterten Zuhörern und ekstatischen Tänzern kamen jeden Abend – einige Wochen lang. Danach war Amerika ein anderes Land: Alle sprachen nur noch vom »Swing« und machten daraus das nationale Zauberwort des Aufschwungs.

Die Bigbands schossen aus dem Boden. Jimmy Dorsey, Tommy Dorsey, Artie Shaw, Woody Herman, Count Basie, Benny Carter, Bob Crosby, Charlie Barnet, Glen Gray und Hunderte anderer Bandleader gründeten eigene Swing-Orchester. Die Beschäftigungsrate für Musiker stieg sprunghaft um 30 Prozent. Als Benny Goodman im nächsten Jahr wieder im Palomar gastierte, zahlte man ihm die dreifache Gage.

Spätestens im März 1937, als das Goodman-Orchester drei Wochen lang im Paramount Theatre in New York City auftrat, hielt der »Swing Craze« auch an der Ostküste Einzug. Was sich da schon am ersten Tag – und zwar bereits am frühen Morgen! – im Publikum abspielte, hatte die Welt bis dahin nicht gesehen.

»Das Theater kochte«, schreibt der Jazzhistoriker James Lincoln Collier. »Die Kids tanzten in den Gängen und drängten sich vor der Bühne um Autogramme. Später kletterten sie sogar auf die Bühne, um dort Jitterbug zu tanzen. Anfangs schritten noch die Saalordner ein, um Ordnung zu halten. Der Manager des Theaters war entsetzt, fürchtete die Verwüstung seines Theaters. Die Publikumsreaktion blieb den ganzen Tag über gleich, fünf Shows lang.«

Eine Teenager-Mode war geboren. Jugendliche sprangen im Konzertsaal auf und tanzten – so wie später zum Rhythm & Blues, zum Rock ’n’ Roll, zum Beat, zum Rock. »Variety«, das Magazin des amerikanischen Showbiz, nannte Goodmans Eröffnungskonzert eine »historische Sensation«. Es war die Geburtsstunde der Popkultur.

Jazz oder Swing?

Anfang 1936 erhielt das beispiellose Jugend-Phänomen seinen Namen: »Swing«. Doch was genau war Swing? Die Älteren fanden, diese Musik sei doch nur eine Wiederkehr des Jazz unter einem veränderten Produktnamen. »Ihr weißen Leute habt jetzt einfach ein neues Wort für unsere altmodische Hot-Musik«, sagte W.C. Handy, der »Vater des Blues«.

Man witzelte, der einzige Unterschied zwischen einer Jazzband und einer Swingband sei: Swingbands haben einen Presse-Agenten. Die Jugendlichen aber, die jetzt »Teenagers« hießen, wollten von »Jazz«, der Musik ihrer Väter, nichts wissen. Swing – das war für sie etwas völlig anderes, denn es war ihre Musik, moderne Tanzmusik. »Swing ist das Tempo unserer Zeit«, so lautete das vielzitierte Bekenntnis eines Fans.

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