Der Konzertmarsch »Gammatique« von Gerard Boedijn

Zum 125. Geburtstag von Gerard Boedijn

Manche Begegnungen haben etwas Schicksalhaftes an sich. Als 1933 während eines Wettbewerbs im nordholländischen Wormerveer das Orchester »Kunst na arbeid« (»Kunst nach Feierabend«) den Konzertmarsch »Gammatique« aus der Feder seines Dirigenten Gerard Boedijn aufführte, saß auch ein junger Verleger im Publikum, der von diesem Werk hellauf begeistert war.

Boedijn, der am 19. November 1893 in Hoorn zur Welt kam, war damals bereits über 40 Jahre alt und hatte fast sein ganzes bisheriges Leben mit Musik verbracht. Schon mit fünf Jahren erhielt er von seinem Vater den ersten Geigenunterricht und lernte später auch Flöte, Klarinette, Saxofon und verschiedene Blechblasinstrumente.

Bald war klar, dass er die Musik ganz zu seinem Beruf machen würde und schon mit 16 Jahren studierte er in Amsterdam bei Felice Togni, dem damaligen Konzertmeister des Concertgebouw Orkest. Kompositorisch übte von seinen Lehrern der Belgier Charles Smulders den größten Einfluss auf ihn aus. Er galt als Modernist, stilistisch zwischen Impressionismus und Expressionismus angesiedelt. »Durch ihn habe ich meinen Stil verändert«, gestand Boedijn später ein.

Der Konzertmarsch »Gammatique«

Der Autor Axel Hacke hat mit dem Buch »Der weiße Neger Wumbaba« den »Verhörer«, eine in der Regel unabsichtlich falsch verstandene Wortfolge, ins öffentliche Gewissen zurückgerufen. Analog dazu gibt es auch »Verleser«, die einem bei ungeschickt getrennten Wörtern passieren (zum Beispiel be-in-halten, Musik-er-leben, Ur-in-stinkt). Manchmal integriert man aber auch einen Buchstaben, der gar nicht da steht.

Ein Beispiel für die letztgenannte Möglichkeit ist der Titel des hier vorgestellten Marsches, bei dem zumindest im deutschen Sprachraum nach dem ersten Buchstaben oft noch ein »r« mitgelesen wird. Thema des Stücks sind aber keine Sprachregeln (Grammatik), sondern Tonleitern, die im Französischen »Gammes« heißen.

Der 1933 uraufgeführte Marsch war Boedijns erstes größeres Werk für Blasorchester, dem bis zu seinem Tod 1972 noch einige Dutzend weitere folgen sollten. Wie im Porträt des Komponisten dargestellt, ist es der Hartnäckigkeit des Verlegers Piet Jan Molenaar zu verdanken, dass dieser Marsch doch noch eine internationale Karriere machte. Mit seinen ungewöhnlichen Harmoniefolgen und zahlreichen übermäßigen Akkorden galt er in der Zeit seiner Entstehung als sehr modern.

  • 20.07.2018
  • spielBAR
  • Joachim Buch
  • Ausgabe: 7-8/2018
  • Seite 65-67

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