Der blinde Musiker Rahsaan Roland Kirk

  • 16.08.2016
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 9/2016
  • Seite 40-41

In seiner Welt gab es keine gedruckten Noten. Wo er sich aufhielt, brannte nie Licht. Er genoss es, wenn sich seine Besucher im Dunkeln unwohl fühlten: »You’re scared, aren’t you?«

Instrumente, die keiner kennt – und immer mehrere gleichzeitig

Verrückter geht’s kaum. Der Mann blies in Instrumente, die kein Mensch kennt, und gab ihnen Fantasienamen wie Stritch, Manzello oder Slidesophone. Er blies aber nicht etwa in ein Instrument nach dem anderen, sondern steckte sich häufig zwei oder drei davon gleichzeitig in den Mund und wurde so zu einer kompletten »reed section«. Viel Klebeband, ein paar Basteleien an der Mechanik und »falsche« Fingersätze machten es möglich.

Er konnte sogar Querflöte oder Mundharmonika zusammen mit einer Blockflöte spielen – die Blockflöte blies er nämlich mit der Nase. Seine meisterliche Zirkularatmung demonstrierte er einmal in England mit dem »längsten ausgehaltenen Saxofonton«.

Neben seinen rund 20 Blasinstrumenten setzte er aber noch etwa 30 weitere Instrumente ein: Kalimba, Becken, Gongs, Glocken, Sirenen. Er befestigte sie am Knie, am Schuh, am Ellenbogen, am Kopf. Ein Arsenal von Klangerzeugern baumelte an seinem Körper, gehalten von Schnüren und Bändern. Manch einer hätte da die Übersicht verloren. Doch für Rahsaan Roland Kirk war Übersicht kein Thema. Er war blind.

Blindsein ist kein Hinderungsgrund, Musik zu machen

Als er zwei Jahre alt gewesen war, hatte eine Krankenschwester die Augentropfen verwechselt – oder die Dosis. Von da an schien für das schwarze Kind ein Leben als bemitleidenswerter Behinderter vorprogrammiert. Immerhin entdeckte der kleine Roland, der eigentlich Ronald hieß, schon früh die Musik.

Er trompetete auf einem Gartenschlauch, dann einem Flügelhorn. Als die Familie meinte, sie wolle keinen Trompeter, wandte er sich den Holzblasinstrumenten zu. Mit zwölf Jahren erlernte er das C-Melody-Sax, mit 15 wurde er Tenorsaxofonist in einer Rhythm­’n’-Blues-Band, mit 21 machte er sein erstes Jazzalbum, das allerdings unbeachtet blieb. Später fiel er in Chicago als Straßenmusiker auf, der für Pennies spielte. Eine groteske One-Man-Band, behängt mit einem Sammelsurium von Instrumenten. Ein blinder afroamerikanischer Bettelmusikant. Ein Sozialfall.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Das Musizieren und die Augen":

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