Der Bigband-Meister: Tobias Becker aus Böblingen

Selbst Chris Walden meldet sich aus dem fernen Los Angeles: »Ein Erfolg auf ganzer Linie! Mit diesem Album beweist Tobias Becker nicht nur, dass er absolut sein Handwerk versteht und die Band auf dem höchsten Niveau zum Klingen bringen kann, sondern er zeigt auch, dass er seinen sehr persönlichen Klang gefunden hat. Ein wahrer Genuss zum Hören!« Georg Waßmuth hat den Senkrechtstarter getroffen.

Ein typischer Musikerhaushalt

Ein schlichtes Reihenhaus an einer Ausfallstraße in Böblingen bei Stuttgart. Die Klingel muss man gar nicht erst drücken, denn Tobias Becker wartet schon am Eingang. Sehr herzlich, offen und »gradraus«, wie der Schwabe sagt, führt er den Besucher ins Haus. Oben wohnen die Eltern, die Etage des Bigband-Leaders, Arrangeurs, Komponisten und Pianisten sieht aus wie ein typischer Musikerhaushalt.

Das Wohnzimmer dominiert ein Klavier, über und über mit Noten zugestapelt, die CD-Sammlung steht adrett im Regal, eine feine Stereoanlage rundet das Bild ab. »Also, Musiker zu werden, das stand nie zur Diskussion, nur der Fokus hat sich im Lauf der Jahre ein wenig verschoben«, meint Tobias Becker zu Beginn der Unterhaltung.

Sein Vater ist ein sehr angesehener Kirchenmusiker, Chorleiter und Klavierlehrer. »Dieser Pfad war eigentlich etwas vorgezeichnet und ich wollte wirklich in einer frühen Phase sehr gerne Organist werden, den Kirchenraum mit gewaltigen Klängen füllen und mich so als kleiner Johann Sebastian Bach produzieren.«

Erste Begegnungen mit dem Jazz

Dann hatte Tobias Becker allerdings eine entscheidende Begegnung. Am Albert-Einstein-Gymnasium in Böblingen lief er Tilman Jäger in die Arme, seinerzeit Musiklehrer, Jazz-Fan, Bigband-Macher par excellence. Jäger, heute Professor an der Hochschule für Musik und Theater in München, konnte Tobias Becker für die neu gegründete Schul-Bigband begeistern und ab diesem Moment war der Gymnasiast unheilbar vom Jazz-Virus infiziert.

»Ich habe das dann von der Pike auf gelernt, vom ersten verstolperten Glenn-Miller-Rhythmus bis zum Musik-Abi nach neun Jahren. Eine Wahnsinns-Zeit mit einer Wahnsinns-Truppe. Nach Tilman Jäger hat Johannes Stephan die Leitung übernommen, auch er ein richtiger Jazz-Kopf und kein Lehrer, der das mal eben so nebenher macht.«

Bigband-Bewegung an baden-württembergischen Gymnasien

Tobias Becker erlebte hautnah, wie in Baden-Württemberg die Bigband-Bewegung an den Gymnasien mächtig Fahrt aufnahm. Schon lange gab es einige Vorzeige-Ensembles wie etwa die Helmholtz-Bigband in Karlsruhe, der auch einige Profis wie etwa der Saxofonist Peter Lehel oder der Trompeter Thomas Siffling entsprungen sind.

Nach der gefühlt 40. Reform des Musikunterrichts wurden dann endlich flächendeckend die positiven Impulse der Bigband umgesetzt. Mit einer Musik, die im Hier und Jetzt verankert ist, in der sich im besten Fall die Lebenswelt der jungen Leute widerspiegelt, temporeich, rhythmusbetont und durchaus mit hohem Leistungsanspruch wurden die Bands formiert. So sind heute an vielen Schulen Baden-Württembergs zwei, an manchen sogar drei Bigbands fest installiert.

  • 28.09.2015
  • Szene
  • Georg Waßmuth
  • Ausgabe: 10/2015
  • Seite 50-52

« zurück