Das Vibrato-Saxofon: Eine Revolution in Plastik?

Instrumente aus Kunststoff sind im Trend. Das Plastiksaxofon von Vibrato dürfte wohl eines der auffälligsten Instrumente auf dem Markt sein. Aber ob es sich in Sachen Verarbeitung, Handling und Klang wirklich mit einem »echten« Instrument messen kann, soll ­dieser Test klären.

Die Idee von Instrumenten aus Kunststoff ist nicht neu. Man verspricht sich vor allem niedrigere Kosten und größere Robustheit. So gibt es schon länger Klarinetten aus Plastik oder Acrylglas, die sehr vernünftig klingen und außerdem temperatur- und feuchtigkeitsbeständig sind. Beim Saxofon gab es schon in den 50er Jahren ein Modell eines britischen Herstellers: das Grafton. Berühmte Spieler waren Charlie Parker und Ornette Coleman, für den das weiße Saxofon sogar zum Markenzeichen wurde. Es war deutlich günstiger und klang auch relativ gut. Allerdings war das für den Korpus verwendete Acryl zu brüchig, weshalb die Saxofone reihenweise zerbrachen und heute um so begehrtere Sammlerobjekte sind.

Dies war wohl einer der Gründe, weshalb es lange kein weiteres Kunststoffsaxofon gab. Ein weiterer war sicher die Komplexität eines solchen Projekts: das Saxofon ist groß, der Korpus aufgrund seiner konischen Form und der ganzen Tonlochkamine anspruchsvoll und die Mechanik sehr kompliziert. Um so erstaunlicher finde ich, dass nun das erste vollständig aus Kunststoff bestehende Saxofon aus Thailand kommt. Kurioserweise war sogar der thailändische König, welcher selbst ein begeisterter Saxofonist ist, einer der wichtigsten Förderer dieses Projekts.

Als es die ersten spärlichen Informationen zum Vibrato-Saxofon bekannt wurden, hielten es viele für einen Aprilscherz. Nun ist es aber seit ein paar Jahren auf dem Markt – und getestet wurde jetzt die Serie III des A1.

Konstruktion

Das Vibrato-Saxofon ist meines Erachtens eine enorme Leistung, da jedes Bauteil neu designt werden musste. Bis auf die langen Mechanikstangen und Federn ist es vollkommen aus Plastik. Die Entwicklungskosten müssen enorm gewesen sein, da allein die Herstellung einer Spritzgussform für ein Teil gerne mal 10 000 Euro kosten kann. Das verwendete Plastik ist ein Bayblend-Kunststoff aus dem Hause Bayer. Der Korpus ist leider nicht aus einem Formguss, sondern besteht aus sechs Einzelteilen, die zusammengeklebt wurden.

Alle Besonderheiten der Mechanik aufzulisten, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen und ist eigentlich auch nur für die Spezialisten interessant. Aber einige Details sind doch sehr bemerkenswert: zum Beispiel, dass nur Spiral- statt Nadelfedern verwendet werden oder dass die S-Bogen-Mechanik »underslung« mit geteiltem Hebel designt wurde. Leider haben unten angebrachte Oktavlöcher oft das Problem, dass sich in ihnen das Wasser sammelt.

Vieles ist gut gelöst, anderes nicht ganz so. Gerade diverse Kopplungen wirken etwas unbeholfen. Korrekturen von Klappenaufgängen können nicht vorgenommen werden, da man auf Einstellkorken komplett verzichtet hat. Es ist quasi alles fix. Das macht das Vibrato aber auch extrem simpel. Aufwendige und kostenintensive Einstellungen entfallen, Teile können selbst schnell ausgetauscht werden und der größte Vorteil: es ist extrem robust. Die Teile haben eine gewisse formbeständige Elastizität und aufgrund des geringen Gewichts kann das Instrument auch massive Stöße vertragen.

Die »gröbsten Schnitzer« im Design der ersten Serie wurden mit den kommenden Serien beseitigt. Unter anderem wurde die Oktavmechanik überarbeitet, diverse Tasten vergrößert und die Daumenauflage bequemer gestaltet.

Der genialste Clou des Vibrato-Saxofons sind aber die Silikonpolster. Da sie nur am Mechanikarm hängen und elastisch sind, garantieren sie eine perfekte Deckung des Tonlochs – zur besseren Abstrahlung und Resonanz. Auch können sie spielend leicht gewechselt werden. Teure Generalüberholungen entfallen somit. Man kann sich die Polster seines Saxofons auch aus einer quietschbunten Farbpalette selbst zusammenstellen, falls einem das weiße Saxofon mit neonfarbenen Polstern noch nicht auffällig genug ist. In limitierten Sonderauflagen gab es das Vibrato auch mit schwarzem oder durchsichtigem Korpus. Die Optik ist »krass«. Sicher nicht jedermanns Sache, aber auffällig ist es schon und mich persönlich spricht dieser iPod-Look an.

Zubehör

Erstaunt war ich, dass das Saxofon nur in einem Karton mit Styropor geliefert wurde. Aber andererseits ist ein Koffer auch fast unnötig, so robust und leicht ist das Instrument. Ein passendes Gigbag ist für 69 Euro separat erhältlich. Der Halsgurt ist eher ein Bändchen, mehr braucht man aber auch nicht. Das neue Mundstück mit den Rillen auf der Blattauflagefläche sieht besonders kurios aus, überzeugte beim ersten Anspielen aber weniger. Es ist zwar recht rund und ausgeglichen und lässt sich leicht spielen, ist aber deutlich zu leise. Es gibt jedoch bedeutend schlechtere Beipackmundstücke.

Spielgefühl, Intonation, Klang

Die leichte Mechanik und die weichen Polster führen leider auch zu einem sehr »wabbeligen« und »klöterndem« Spielgefühl. Das irritiert erst mal. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase (und sofern man eine gute Fingertechnik besitzt) sind auch wieder schnellere Phrasen ohne große Probleme spielbar. Die härteren Federn zur ­Serie III sind da eine enorme Verbesserung. Man merkt auch, dass das Saxofon aus Asien stammt, denn es ist für sehr kleine Hände gebaut.

Die Ansprache ist kinderleicht, da man aufgrund der minimalen Masse auch deutlich weniger Blaswiderstand hat. Das unglaublich geringe Gewicht des Instruments ist zwar zunächst gewöhnungsbedürftig, aber man genießt diesen Luxus so schnell, dass man sich ein »normales« Instrument fast gar nicht mehr umhängen möchte.

Die Intonation war in der ersten Serie noch ein echtes Problem. Das d² war deutlich zu tief und die Töne unter dem d¹ waren auch nicht koscher. Für die Serie II wurde daher ein neues Knie designt, was dieses Problem behob. Ansonsten habe ich das Gefühl, dass sich das Vibrato von Tag zu Tag sehr unterschiedlich verhalten kann. Ich vermute, dass es bei der Intonation deutlich temperaturanfälliger ist, was sich mit dem härteren Material der neuen Modelle deutlich minimierte. Weiter stören mich nur das c³ und cis³, die kurioserweise merklich zu tief sind. Ansonsten ist die Intonation brauchbar.

Am Klang werden sich die Geister scheiden. Es klingt definitiv nach Saxofon. Nichtsaxofonisten (und wahrscheinlich auch viele Saxofonisten) würden blind nicht hören können, dass es kein »echtes« ist. Im direkten Vergleich fällt aber schon auf, dass dem Vibrato eine gewisse Klangtiefe und Brillanz im Ton fehlen. Resonanz und Lautstärke sind Grenzen gesetzt. Ich persönlich empfinde den Klang nicht unnatürlich: Er ist angenehm ausgeglichen, rund und eher weich. Man kann dem Vibrato sehr schöne Töne entlocken.

Über die verschiedenen Serien hat Vibrato die Materialzusammensetzung zunehmend optimiert. Die aktuelle Serie III ist deutlich härter, was Klang und Resonanz sehr verbessert haben. Es scheint aber so, dass diese Art von Kunststoff doch zu elastisch ist und daher Schwingungen und somit Sound schluckt und deshalb Metall aufgrund seiner Härte und Masse ein ausgeprägteres Frequenzspektrum bietet.

Fazit

Viele Spieler haben das Vibrato bereits geradezu verrissen, ich glaube aber, dass nicht verstanden wurde, wozu es eigentlich gedacht ist. Es ist klar, dass es den Vergleich zu einem professionellen Saxofon deutlich verliert. Es ist kein Saxofon, mit dem man sich in ein klassisches Orchester oder in eine professionelle Bigband setzt. Alleine der Preis von gerade mal 569 Euro verortet es eher in die Konkurrenz von China-Instrumenten, die auch noch lange keine professionellen Standards erfüllen. Das Wesentliche am Vibrato ist, dass es Spaß macht, damit zu spielen. Nur dafür ist es gedacht. Es ist ein toller Gag für die Bühne, ein ideales Schlechtwetterinstrument (oder für diejenigen, die schon immer mal unter der Dusche üben wollten), praktisch zum Reisen, sicher genug um damit diversen Quatsch zu machen und zuletzt für die Kleinen, bei denen ein echtes Saxofon noch zu schwer ist, könnte das bunte und fast unkaputtbare Vibrato eine kindgerechte Lösung sein. Und als Zweitinstrument oder für das Kinderzimmer ist der Preis absolut gerechtfertigt. Auch möchte ich denjenigen, die noch vor drei Jahren nur die Serie I getestet haben, raten, sich die aktuelle, deutlich verbesserte Version noch einmal zu Gemüte zu führen.

Es ist eine spannende Ergänzung auf dem Saxofonmarkt. Gerade weil sich andere Hersteller mit echten Neuentwicklungen eher zurückhalten. Angekündigt sind übrigens auch schon das Vibrato-Sopran- und Tenorsaxofon, das – Gerüchten zufolge – dann als Bausatz erhältlich sein soll...

www.vibratosax.de

Dateien:

Unser Tester, Tobias Leon Haecker, ist Saxofonist und Instrumentallehrer im norddeutschen Raum. Mit diversen Projekten sowie seinem Workshop »Saxessen­tials« und als Endorser für die Firma Forestone ist er deutschlandweit und international tätig. Sein Blog ist inzwischen zur meistgelesenen deutschsprachigen Sax-Seite avanciert.
www.saxophonistisches.de

  • 13.05.2015
  • Test
  • Tobias Leon Haecker
  • Ausgabe: 5/2015
  • Seite 62-63

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