Das Venova von Yamaha: Schlangenbeschwören auf Japanisch

  • 05.07.2017
  • Test
  • Tobias Leon Haecker
  • Ausgabe: 7-8/2017
  • Seite 12-13

Was ist das? Diese Frage hat sich mir in dreierlei Hinsicht gestellt. Als ich sie zum ersten mal sah (»Was zum Teufel ist das?«), dann nach etwas Ausprobieren (»Was ist das für eine Art Instrument«) und am Ende des Tests (»Für was ist das?«). Dieser Artikel soll nun all diese Fragen klären.

Das Venova wurde erst vor kurzem auf der Musikmesse 2017 vorgestellt und ist ein neues Instrument von Yamaha. Es ist weiß, geschlängelt, aus Plastik, trägt einen gefährlich klingenden Namen und das Erschreckendste: Es hat ein Sopransaxofon-Mundstück! So hat es bereits für einiges Aufsehen und Stirnrunzeln gesorgt.

Saxofon? Klarinette? Oder doch Blockflöte?

Das Mundstück würde vermuten lassen, dass es sich um eine Art Saxofon handelt. Allerdings hat es einen zylindrischen Korpus, also eher eine Klarinette? Dann hat es oben noch diese merkwürdige »Auspuffnase«? Dieses Zusatzrohr bewirkt, dass das Venova nicht wie eine Klarinette eine Duodezime, sondern eine Oktave überbläst und einen größeren Sound hat, als man eigentlich von einem so kleinen Instrument erwarten dürfte.

Das Venova ist also irgendwie eine Art Blockflöte mit einfachem Rohrblatt. Die Griffweise legt das ebenfalls nahe. Und hier liegt der besondere Clou des Venova. Aufgrund des geschlängelten Rohres liegen die Grifflöcher extrem komfortabel dicht beieinander, sodass sich das Instrument bequem auch von kleineren Händen spielen lässt.

Das Venova hat eine fast identische Griffweise zu Blockföten, und mit der Herausnahme eines Pfropfens kann man sogar das Barock-System greifen. Zusätzlich gibt es noch Hebel für das Cis und Dis. Wer also etwas Flöte, Saxofon und/oder Klarinette spielt, kann hier sofort »abgehen«.

Verarbeitung und Ausstattung

Über die Verarbeitung braucht man eigentlich kein weiteres Wort verlieren. Wie von Yamaha zu erwarten, ist diese tadellos. Der ABS-Kunststoff ist sehr gut verarbeitet, das Design ist stimmig, das ganze Instrument wirkt extrem robust.

Das beigepackte Mundstück entspricht einem Yamaha 4C: ein extrem solides und einfach zu händelndes Mundstück. Eine Besonderheit ist allerdings das beigefügte Plastikblatt. Yamaha produziert jetzt eigene Syntheticreeds? Anscheinend aber wohl bisher nur für dieses Instrument.

Das mitgelieferte schwarze Hartschalencase wirkt zwar etwas schlicht, dafür aber bombensicher. Nach meiner Meinung ist es vielleicht etwas überdimensioniert für dieses an sich schon recht robuste Plastikinstrument, das Yamaha vor allem mit seiner Handlichkeit bewirbt.

Klang und Spielgefühl

Das beigefügte Mundstück und Blatt sorgen für eine leichte Ansprache vom tiefen c¹ bis a². Wenn man schon etwas Erfahrung mit Luftführung hat, kommt man auch fix zum c³. Für totale Anfänger ist dieses Setup definitiv beherrschbar, aber man braucht doch etwas mehr Luft als bei einer Blockflöte.

Was will man eigentlich klanglich von einem Hybrid aus Sopransaxofon und Blockflöte aus Plastik erwarten? Ja, es klingt schon etwas wie ein näselndes Kinderspielzeug, aber deutlich besser als erwartet. Der Sound ist voll und formbar und mit etwas Erfahrung entwickelt das Venova echte Klangqualität, besonders wenn man bei Mundstück, Blatt und Schraube noch seine persönlichen Favoriten benutzt. Es erinnert klanglich irgendwie an eine kleine Klarinette mit orientalischem Touch.

Auch wenn ich das neue Yamaha-Kunststoffblatt sowohl im Klang als auch in der Ansprache recht überzeugend fand (auch auf meinem Sopran), war es mir persönlich etwas hell. Mit meinem Forestone Black Bamboo hatte ich einen dunkleren und runderen Klang. Eine gute Blattschraube half auch noch weiter.

Mein persönliches Sopranmundstück (ein Gotsu) war zwar etwas zu weit in der Mensur und wackelte, aber das ist kein Problem, das sich nicht mit einem Stück Papier oder dem Wechsel der Gummi-O-Ringe am Hals schnell lösen ließe. So konnte ich den Klang deutlich aufwerten bzw. nach meinen Geschmack formen. Dass man hier auch Equipment für Sopransaxofon verwenden kann, ist ein echter Vorteil (allerdings mit Einschränkungen, siehe unten).

Intonation

Hier kommen wir leider zu dem einzigen wirklichen Kritikpunkt, den ich habe. Wenn man das Yamaha-Mundstück bis zum Anschlag draufschiebt, soll es bei 442 Hz intonieren. Das kann nicht für jeden Spieler funktionieren, kam aber bei mir recht gut hin. Für 440 Hz schiebt man das Mundstück einfach etwas weiter raus.

In der ersten Oktave von c¹ bis c² intonieren die »weißen Töne« recht gut. Leider sind fis¹ und gis¹ zu hoch (alle in der Anleitung angegebenen Griffe). Interessanterweise stimmen sie dafür in der zweiten Oktave gut, das g² ist wiederum zu tief. Das d² ist mit dem normalen Griff (der mit Oktavklappe) auch zu hoch. Dafür stimmt der Alternativgriff (nur linker Mittelfinger). Die Intonationskurve geht ab dem a² auch steil aufwärts, aber das ist nichts, was Sopranspieler nicht kennen. Wie auf dem Saxofon muss/kann man es genauso ausgleichen. Das ist okay.

Mit meinen persönlichen Mundstücken war die Intonationskurve neben dem Klang deutlich besser. Aber wenn ich meine Mundstücke bis zum Anschlag draufschiebe, komme ich nicht auf eine Intonation von 440 Hz. Die Mundstücke haben wohl eine zu große Kammer, und da ich ein Spieler mit einer eher tieferen Grundintonation bin, eignen die sich leider nicht. Schade. Man sollte also vor dem Kauf kurz überprüfen, wie bei einem selbst das Intonationsverhalten ist und ob man nicht doch ein anderes Mundstück (mit kleinerer Kammer) braucht.

Fazit

Also für wen und was eignet sich nun das Venova? Dass es kein professionelles Instrument sein soll, ist irgendwie klar. Der größte Dealbreaker ist dafür wohl die Intonation. Nicht alle Tonarten gehen gleich gut, und das harmonische Zusammenspiel mit anderen Melodieinstrumenten dürfte knifflig werden.

Aber Yamaha preist sein Venova auch als »casual instrument« an, also als etwas, das man zum Strand mitnehmen kann, für Kinder als Übergang zwischen Blockflöte und Saxofon oder als handliches Reiseinstrument. Dann spielt auch die mangelnde Intonation eine nicht so entscheidende Rolle. Und dafür halte ich es für sehr geeignet.

Grifftechnisch ist es für einfache Melodien schnell zu beherrschen. Bebop würde ich darauf eher nicht spielen wollen. Es ist sehr robust, es hat einen witzigen Klang, und man könnte es mal eben fix aus seiner Jackentasche zaubern.

Den Preis von knapp 100 Euro halte ich daher für das Venova für angemessen. Ich hatte definitiv eine Menge Spaß beim Rumjammen mit dem Venova.

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