Das Transsibirische Kunstfestival mit »Klarinettengipfel«

  • 28.05.2016
  • Szene
  • Antje Rössler
  • Ausgabe: 6/2016
  • Seite 50-51

Nowosibirsk liegt genau in der Mitte Russlands. Ein Kirchlein, das auf einer verkehrsumtosten Straßeninsel steht, zeigt an: Von hier aus geht es je viertausend Kilometer nach Ost und nach West. Als Durchgangsstation ist die drittgrößte Stadt des Landes entstanden: 1893 wurde hier eine Brücke der Transsibirischen Eisenbahn über den Ob gebaut.

Das Transsibirische Kunstfestival

Die legendäre Bahnlinie dient als Namensgeber für das Transsibirische Kunstfestival, das in diesem Jahr zum dritten Mal stattfand. Künstlerischer Leiter ist der Geiger Vadim Repin, der selbst aus Nowosibirsk stammt; sein Vater arbeitete hier als Filmplakate-Maler. »Ich freue mich, dass ich durch das Festival die Aufmerksamkeit auf meine Heimatstadt als Musikzentrum lenken kann«, meint Vadim Repin.

Imagepflege kann die graue Industriestadt mit ihrem dichten Bestand an stalinistischen Gebäuden durchaus brauchen, doch läuft das Festival zu einer denkbar ungünstigen Zeit: zwischen Winter und Frühling. Während die Bäume noch kahl sind, liegen die Reste des winterlichen Streusands auf den Straßen, werden bei jedem Schritt aufgewirbelt und fressen sich in die Atemwege.

Zum 125. Geburtstag von Sergej Prokofjew

Rückgrat des Transsibirischen Festivals sind die vor 60 Jahren gegründeten Philharmoniker von Nowosibirsk, die 2013 eine neue Konzerthalle bezogen haben. In dem braun getäfelten, etwas dumpf klingenden Saal wurde der 125. Geburtstag von Sergej Prokofjew begangen. Zunächst lieferte Dirigent Lio Koukman verhalten unterkühlte Versionen von Prokofjews Sinfonie-Konzert für Cello und des Violinkonzerts Nr. 2.

In Prokofjews Siebter Sinfonie lief der Dirigent dann zu seiner Form auf. Er betonte hier eher das dramatische Element als das märchenhaft orientalische Flair. Seine Interpretation wirkte straff, klar und rhythmisch pointiert. Die Bläser, die das poetische Nebenthema des Kopfsatzes in Obhut haben, spielten prägnant und zugleich warmherzig.

Das Publikum steuert zwar auffällige Klingeltöne bei, erweist sich aber am Ende als sehr begeisterungsfähig, was sich in starkem Applaus und der Übergabe von riesigen Blumenbuketts zeigt.

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