Das Saxofon in F

Adolphe Sax hat es zum Patent angemeldet, Ravel und Strauss haben dafür komponiert, aber kaum jemand hat es je gesehen oder gehört. Das F-Saxofon ist ein Phantom der Musikgeschichte.

Adolphe Sax und das Saxofon

Als Adolphe Sax das Saxofon erfand, wollte er in erster Linie den Klang der Militärkapellen stärken und verbessern. Allerdings hoffte er, dass sich das neue Instrument auch in der Konzertmusik durchsetzen würde. Deshalb plante er neben den in B(b) und Es gestimmten Instrumenten auch Modelle in C und F, genauer gesagt: ein Bass-, Tenor- und Sopransaxofon in C und ein Kontrabass-, Bariton-, Alt- und Sopraninosaxofon in F. 

Das Ur-Instrument, auf dem Adolphe Sax einst dem Komponisten Hector Berlioz vorgespielt hatte, soll übrigens ein Basssaxofon in C gewesen sein. Manchmal wird es auch als Baritonsaxofon beschrieben, denn sein Grundton liegt ja nur eine kleine Terz tiefer als beim Bariton in Es. 

F-Saxofone: Phantome der Musikgeschichte?

Maurice Ravel schrieb in seinem Erfolgsstück »Bolero« (1928) tatsächlich eine Stimme fürs Sopraninosaxofon in F. Doch der Saxofonist der Uraufführung, Marcel Mule, musste den Komponisten aufklären: »Es gibt gar kein Sopraninosaxofon in F!« Mule meisterte die Sopraninostimme damals auf dem Sopran in B. 

Richard Strauss schrieb in seiner »Sinfonia Domestica« (1903) Ad-libitum-Parts für ein ganzes Saxofonquartett in C- und F-Stimmung. Dass das Quartett aber jemals auf solchen Instrumenten gespielt wurde, ist unwahrscheinlich. Mancher Experte hat sogar schon bezweifelt, dass vor 1900 überhaupt jemals Saxofone in F gebaut wurden. 

Andere sagen, Adolphe Sax habe nur ein einziges F-Alt­saxofon angefertigt – es soll sich zeitweise im Besitz des Mule-Schülers Paul Brodie befunden haben. Selbst Optimisten glauben nicht, dass noch mehr als eine Handvoll F-Saxofone aus dem 19. Jahrhundert erhalten sind. 

C-Saxofone

Saxofone in C durften immerhin einmal eine kurze Popularitätsphase erleben. Um 1915 wurde in den USA das Saxofon als Familien- und Masseninstrument entdeckt. Um den Laienbläsern das Transponieren zu ersparen, propagierte man damals das C-Melody-Sax (in der Tonlage zwischen Alt und Tenor). Auch einige führende Saxofonkünstler wie Rudy Wiedoeft und Frank Trumbauer spielten damals das C-Melody. 

F-Saxofone aus dem Hause Conn

Mit dem Aufkommen von Radio und Schallplatte flaute die Laienbewegung aber rasch wieder ab. Um den Umsatzrückgang zu bremsen, stellte die Firma Conn dem C-­Melody (und dem C-Soprano) 1928 doch tatsächlich ein Altsaxofon in F zur Seite – man nannte es das »F Mezzo Soprano«. Das Instrument sieht aus wie ein leicht geschrumpftes Altsaxofon, erinnert im Klang aber mehr an ein Sopran. Doch die Kampagne war ein Fehlschlag – es gab ja keine Musik für das Instrument. 

Daraufhin forcierte die Firma Conn Transkriptionen fürs F-Saxofon und kam gleich noch mit einem zweiten F-Modell auf den Markt, dem Conn-O-Sax. Die günstigste Ausführung davon wurde 1928 für 110 Dollar angeboten. 

Dieses Instrument ist eine Mixtur aus F-Saxofon, Englischhorn und Heckelfon. Es hat einen geraden (gestreckten) Korpus und ein bauchiges (kugelförmiges) Schallstück. Sein Klang erinnert eher an eine Oboe. Die Firma warb damit, dass ein Saxofonist auf dem Conn-O-Sax einen Englischhornisten oder Waldhornisten ersetzen könne. 

Kaum erhaltene Instrumente

Aber auch diese Kampagne schlug fehl. Als die Weltwirtschaftskrise einsetzte, hat Conn die Produktion beider F-Instrumente eingestellt. Die nicht verkauften Mezzosopran-Saxofone hat man irgendwann für Reparaturübungen verwendet, das heißt immer wieder vorsätzlich beschädigt. Es sind kaum welche erhalten. 

Auch vom Conn-O-Sax sollen nur noch etwa 25 Exemplare existieren. Übrigens werden billige Saxofonvarianten neuerdings auch wieder in F-Stimmung angeboten. Sie sind meist aus Bambus oder Kunstharz gefertigt und werden mit Blockflötengriffen gespielt.

  • 20.02.2019
  • Bläsermythen
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 2/2019
  • Seite 37

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