Das omnitonische Horn

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Als das Ventilhorn erfunden wurde, erntete es nicht nur Begeisterung. Die Naturton-Alternative dazu erinnert optisch allerdings an ein Schlangennest.

Schon im 18. Jahrhundert war das Horn ein Lieblingsinstrument der Komponisten. Sein weicher, etwas unscharfer Klang eignete sich gut für »neutrale« Harmonieklänge im Orchester. Nur leider war das Horn damals – wie die meisten Blechblasinstrumente – auf das Spiel der Naturtonreihe beschränkt. 

Wie lässt sich die Naturtonreihe erweitern?

Um die Tonart wechseln zu können, gab es zwar Hörner mit unterschiedlichem Stimmton (vor allem D, Es, E, F) und mit einsetzbaren Stimmbögen, später auch Inventionsbögen – aber die Beschränkung auf die jeweils gewählte Naturtonreihe blieb dabei natürlich bestehen. 

Der Hornist Anton Joseph Hampel (1710 bis 1771) wusste Abhilfe. Er erfand die Stopftechnik, bei der der Spieler die rechte Hand in den Horntrichter steckt und so den Ton um Halbtonschritte absenkt. Um den Klangwechsel zwischen gestopften (dumpfen) und offenen (warmen) Tönen zu überspielen, entwickelten die Hornisten eine besonders sanfte Art, das Instrument zu blasen. 

Dieser weiche, gefühlige Hornton inspirierte die Komponisten erst recht. Seit Mozarts Zeit gab es vermehrt Solo-Literatur fürs Horn, Beethovens Sinfonien enthalten berühmte Hornstellen, und im 19. Jahrhundert wurde das Horn sogar zum Inbegriff des ­Romantischen überhaupt. Man verglich seinen Klang mit einer »Flöte, von einer Gambe begleitet«.

Den Erfindern ließ die technische Beschränktheit des Horns jedoch keine Ruhe. Man versuchte es in der Folgezeit mit Klappen, doppelter Röhre, doppeltem Schall­becher, einem Inventionszug. Die Lösung war schließlich das Ventil: Es erlaubt (wie bei der Trompete), die Röhre beim Spielen durch Ventilbögen zu verlängern und macht so das Waldhorn zu einem chromatischen Instrument. 

Omnitonische Hörner: monströse Sehendwürdigkeiten

Praktisch zeitgleich mit der Erfindung des Ventilhorns um 1815 wurde aber noch eine andere Strategie entwickelt: das soge­nannte omnitonische Horn. Auch hierbei wurden Ventile verwendet, allerdings nicht zur Verlängerung des Hauptrohrs beim einzelnen Ton, sondern zum Wechseln in ein paralleles Rohrsystem. Das erste derartige Instrument erfand J. B. Dupont – es hatte für acht verschiedene Grundtöne acht verschiedene Tonbögen, die sich wie Schlangen umeinander legen. 

Auch Charles-Joseph Sax, der Vater des Saxofon-Erfinders, baute 1824 ein omnitonisches Horn: »Er befestigte an einer Hauptröhre strahlenförmig vom Zentrum ausgehend neun Stimmbögen und ermöglichte durch ein einziges im Zentrum liegendes Ventil, das in einer graduierten Röhre verschoben wurde, die Einschaltung jeder gewünschten Stimmung« (Jaap Kool). Ludwig Embach, Pierre-Louis Gautrot und Václav František Červený entwickelten weitere Modelle des omnitonischen Horns. 

Die vielen Tonbögen machten dieses »viel­fache« Naturhorn allerdings sehr schwer und unhandlich. Das Wechseln zwischen den Tonarten war während des Spielens auch nur bedingt möglich. Doch optisch sind diese Instrumente monströse Sehenswürdigkeiten.

Ein letzter Versuch: das Cor Chaussier

Das omnitonische Horn entstand im Grunde aus dem Wunsch, das Naturhorn zu erhalten, ohne auf tonale Flexibilität verzichten zu müssen. Der letzte bedeutende Versuch in dieser Richtung war das Cor Chaussier der Firma Millereau in den 1880er Jahren. Der Hornist Henri Chaussier (1854 bis 1914) hatte in Berlin Orchestererfahrung mit dem Ventilhorn gesammelt, trauerte aber den Klangfarben des Naturhorns und der Stopftechnik nach. 

Das für ihn gebaute Cor Chaussier ist eine Mixtur aus Natur- und Ventilhorn und erlaubt einen raschen Wechsel zwischen ­allen zwölf Grundtönen. Ca­mille Saint-Saëns schrieb sein »Morceau de concert«, op. 94, für dieses Instrument. 

Das einzige erhaltene Exemplar des Cor Chaussier befindet sich im Musikinstrumentenmuseum in Brüssel. Für das »Romantic Brass Symposium«, das 2012 in Bern stattfand, wurde das Instrument von der Firma Egger (Basel) nachgebaut.

  • 09.01.2019
  • Bläsermythen
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 12/2018
  • Seite 37

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