Das Musizieren und die Augen: Interview mit dem Augenarzt Prof. Dr. Franz Grehn

»Das Auge isst mit« sagen geübte Restaurantbesucher. »Das Auge hört mit« dürfte auch bei vielen Konzertgängern eine plausible Bemerkung sein. Und erst recht werden Musiker den Ausspruch »Das Auge spielt mit« nachvollziehen können. Und in der Tat ist das Sehorgan für Musiker von ganz besonderer Bedeutung. Etwa für das Notenlesen und die Kommunikation. Für das Schwerpunktthema sind wir nach Würzburg gefahren und haben uns mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. Franz Grehn unterhalten. Grehn ist Augenarzt und ein Experte auf dem Gebiet der Glaukomforschung.

Musik verbindet man in erster Linie mit den Ohren. Wie wichtig sind die Augen für die Musik?

Das Auge ist beim Menschen ein sehr weit entwickeltes Sinnesorgan und dementsprechend für die unterschiedlichsten Aufgaben des täglichen Lebens wichtig. Für den praktizierenden Musiker ist die Zusammenarbeit ganz unterschiedlicher Sinnesfunktionen erforderlich: Sehen des Notentextes (visuelles System), Umsetzung in entsprechende Bewegungsmuster auf dem Instrument (motorisches System), taktile Kontrolle des Instruments (sensorisches System), Kontrolle der erzeugten Töne und Klänge durch differenziertes Hören (auditives System), letztlich auch die Umsetzung der Vorstellung von musikalischer Interpretation (assoziatives System). Das Sehvermögen spielt also am Anfang dieser Sequenz eine durchaus sehr wichtige Rolle.

Beim Ausüben der Musik muss man in der Regel einen Notentext lesen. Und um die Noten lesen zu können, braucht es – auch wenn man letztlich auswendig spielt – zunächst die Funktion der Augen. Das Sehen ist außerdem für die Kommunikation mit anderen Musikern erforderlich. Wenn Sie ein Bläserensemble beobachten, kommunizieren die Musiker oft mit minimalen Bewegungen. Auch ein Dirigent steuert mit mal größeren, mal geringeren Bewegungen ein Orchester. Um diese erkennen zu können, muss ein Musiker natürlich sehen können. Dabei braucht er nicht nur die Sehschärfe, um den Notentext zu lesen, sondern auch sein »Gesichtsfeld« – also das Sehfeld, das außerhalb des scharfen Sehzentrums die Umgebung wahrnimmt – etwa um Dirigentenbewegungen zu erkennen oder den Einsatz des Konzertmeisters.

Ist das Gesichtsfeld dabei vielleicht noch wichtiger als die Sehschärfe?

Vermutlich ist beides gleich wichtig. Ein vollständig blinder Musiker wird natürlich extreme Schwierigkeiten haben, sich – als Solist zum Beispiel – mit einem Orchester zu verständigen, obwohl er seinen Part auswendig spielen kann. Wenn »nur« die zentrale Sehschärfe fehlt (etwa die Makuladegeneration), kann man keine Noten lesen, wohl aber die Bewegungen des Dirigenten wahrnehmen. Andererseits kann jemand, bei dem die zentrale Sehschärfe erhalten, das periphere Gesichtsfeld aber ausgefallen ist (etwa bei erblicher Netzhautdegeneration), zwar den Notentext lesen, nicht aber gleichzeitig die Bewegungen des Dirigenten wahrnehmen und darauf reagieren. Wenn in diesem – Gesichtsfeld genannten – Bereich Ausfälle vorhanden sind, ergeben sich Schwierigkeiten, die man nicht durch gute Sehschärfe kompensieren kann.

Was muss man, was sollte man sehen, um Musizieren zu können?

Zum Notenlesen, vor allem zum Prima-Vista-Spielen, braucht man eine sehr hohe Sehschärfe. Diese ist wie beim Lesen von Notentexten mindestens so wichtig wie beim Lesen eines geschriebenen Textes. Außerdem erfordert das Lesen des Notentextes eine hohe Lesegeschwindigkeit. Man muss komplexere Muster in noch kürzerer Zeit erfassen als beim Lesen von geschriebenen Texten. Das Bild eines Akkords oder einer Figur wird als Ganzes visuell erfasst und in entsprechende Bewegungsmuster umgesetzt. Zwar sind wir natürlich für Buchstabentexte hochgradig trainiert, während die meisten Leute für Notentexte das nicht sind. Ich glaube aber trotzdem, dass das Lesen eines Notentextes wegen der damit verbundenen strikten Gebundenheit an den Zeitablauf komplexer ist als das Lesen von Buchstabentexten.

Das PDF enthält alle sechs Artikel des Schwerpunktthemas "Das Musizieren und die Augen":

  • 16.08.2016
  • Schwerpunktthema
  • Klaus Härtel
  • Ausgabe: 9/2016
  • Seite 24-29

« zurück