das fünf-sterne-restaurant (1) - ist die interpretation eine frage des geschmacks?

  • 21.09.2011
  • Sinfonisch
  • Thomas Doss
  • Ausgabe: 4/2004
  • Seite 16-18

Keine Angst, Kolleg(inn)en – bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob Interpretation eine Frage des Geschmacks ist, liegt es mir fern, interpretatorische Tipps und Absolutheiten von mir zu geben. Daran sind schon wesentlich größere Köpfe gescheitert. Mir ist es wichtig, einen Nachdenkprozess auszulösen, der dem eines Weges gleichzusetzen ist. Und der Weg ist bekanntlich das Ziel. Zuerst ein paar Fragen: Was passiert zwischen der ersten und der letzten Note eines Musikstückes? Was bewirkt Zeit/Tempo? Was bewirkt Veränderung der Zeit/des Tempos? Was bewirkt ein Harmoniewechsel, der Rhythmus, was bewirken rhythmische oder harmonische Dissonanz und Konsonanz? Was bewirkt Dynamik, was Artikulation? Ein entspanntes Nachdenken über diese Fragen bringt uns schon sehr weit.

Jedes Musikstück hat unbestritten eine Aussage oder eine Botschaft. Jeder Komponist will mit seiner Musik etwas bewirken – manchmal aus pädagogischen Gründen, manchmal aus Gründen der Unterhaltung, manchmal aus sehr persönlichen Gründen. All diese Gründe verlangen das Erkennen der Idee des Komponisten. Am faszinierendsten sind immer die sehr subjektiven, persönlichen Gründe des Autoren, weil es dadurch zu einer Reise in die psychische Landschaft des Komponisten kommen kann, in der wir uns selbst erkennen und dem Zuhörer diese Selbsterfahrung mitteilen wollen. Glauben wir einmal, die Idee des Komponisten erkannt zu haben nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Werk in der Vorbereitung, sind wir gefordert, unsere Erkenntnis mit dem Ensemble unter Einbezug aller musikalischen Parameter zu transportieren. Für diesen Transport braucht es sehr viel Feingefühl, Musikalität, aber auch Übersicht – musikalische Intelligenz eben, was nicht gleichzusetzen ist mit Musikalität.

 

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