CD-Tipps des Monats: Melancholisch, mitreißend und teuflisch gut

  • 01.02.2017
  • Rezensionen
  • Ausgabe: 2/2017

Beinahe jeden Tag bekommen wir in der Redaktion CDs, Bücher und Notenausgaben auf den Tisch. Manches davon ist gut, bisweilen sehr gut, manches bemüht. Die Redaktion hat sich diesmal vier Tonträger herausgesucht, die sogar empfehlenswert sind. Helmut Eisels "Rhapsody for an Unknown Klezmer" bringt Melancholisches, Emmanuel Pahuds "CPE Bach – Flute Concertos" Mitreißendes, Vera Karner und Dominik Wagner "Gassenhauer" und das Ensemble Carion mit dem Album "Mephisto" geradezu teuflisch Gutes.

Helmut Eisel: "Rhapsody for an Unknown Klezmer"

Klezmer ist ursprünglich die Bezeichnung für den Musiker, der die Klezmermusik ausübt. Viele Klezmermusiker kamen im Holocaust um. Das Herzstück des neuen Albums des Klezmerklarinettisten Helmut Eisel "Rhapsody for an Unknown Klezmer" ist eine Hommage an diese Musiker.

2007 beauftragte Giora Feidmann Helmut Eisel als "nichtjüdischen Klezmer", eine Komposition für ein Konzert in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu schreiben. So entstand zunächst "Phoenix" – ein Teil der Rhapsodie. Mittlerweile besteht die Rhapsodie aus zwei Hauptteilen.

In "Zfat Impressions" wird die lebendige Musizierpraxis der Klezmer dargestellt. Es ertönen klassische und jazzig-romantische Klänge. Es klingt europäisch, US-amerikanisch, osteuropäisch. Ein Farbenmix der Töne.

Und die Philharmonie Reutlingen zeigt sich flexibel und ideenreich. Der zweite Teil ist ergreifend, nachdenklich und durchzogen von Gesängen eines Kinderchores. Ein großartiges Werk.

Eingespielt sind zudem mehrere "Freilach", die Helmut Eisel Personen seines Lebens widmete. Außerdem ist "Kol Nidrei" zu hören, das Max Bruch für Cello und Orchester komponierte. Ein besonderes Album, bei dem die Melancholie überwiegt. (ce)

Emmanuel Pahud: "CPE Bach – Flute Concertos"

Schon die "Vorgänger-CD" "The Flute King", auf der Emmanuel Pahud gemeinsam mit der Kammerakademie Potsdam unter der Leitung von Trevor Pinnock Werke von Bach, Quantz und Friedrich dem Großen einspielte, löste Jubelstürme bei Kritikern und Musikliebhabern aus. Nun folgen die Flötenkonzerte von Carl Philipp Emanuel Bach.

Doch die CD ist alles andere als ein Sequel, das den vorangegangenen Erfolg versilbern soll. Sie ist vielmehr eine tiefergehende Beschäftigung mit dem Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel, einem Enfant terrible der Musikgeschichte, nach außen braver Cembalist am Preußischen Hof, in seiner Musik ein Heißsporn mit grenzenloser Fantasie.

Emmanuel Pahud widmet sich dessen wirklich mitreißenden Werken. Das technisch anspruchsvolle G-Dur-Konzert dürfte selbst einem so versierten Flötisten wie Emmanuel Pahud die Schweißperlen auf die Stirn getrieben haben. Jedoch klingen bei ihm diese Stellen leicht und unbeschwert.

Doch nicht nur die spieltechnische Qualität ist atemberaubend – mit der Kammerakademie und Trevor Pinnock am Cembalo gelingt es zudem, das Wesen der Musik von CPE Bach schwungvoll und expressiv, ja perfekt einzufangen. (hä)

Vera Karner & Dominik Wagner: "Gassenhauer – Gassenbauer"

Einen "Gassenhauer" würde man heutzutage vermutlich "Hit" oder auch "Evergreen" nennen. Auch die Gebrüder Grimm kannten Gassenhauer als "lied oder liedweise wie sie von zeit zu zeit neu auftauchend in allgemeine gunst kommen, daher auch auf der gasse herschend".

Mit "Gassenhauer – Gassenbauer" haben zwei Wiener Musiker – Vera Karner an der Klarinette und Dominik Wagner am Bass – die hochkarätig besetzte Jury des zweiten Fanny-Mendelssohn-Förderpreises überzeugt.

Werke für ihr ungewöhnlich besetztes Trio aus Klarinette, Bass und Piano gibt es nur wenige. Daher bearbeiten die beiden 20-jährigen Musiker nicht nur bereits bestehende Kompositionen wie Ludwig van Beethovens ursprünglich für Cello, Klarinette und Klavier geschriebenes "Gassenhauertrio" oder Max Bruchs "Acht Stücke für Viola, Klarinette und Klavier", sondern geben vielmehr selbst Kompositionsaufträge.

Für ihr Debütalbum haben sie ausgehend von Beethoven die Klammer "Gassenhauer" gewählt. Wie Beethoven im dritten Satz seines op. 11 das populäre Thema von Josephs Weigls Oper "L’amor marinaro" aufgreift, haben alle Komponisten auf dem Album bekannte Melodien in ihren Werken verarbeitet. (twa)

Carion: "Mephisto"

Dunkel und düster kommt das Booklet daher, wolkenverhangen ist der Nachthimmel, vor dem sich die CARION-Musiker nur schemenhaft abbilden – und mystisch und geheimnisvoll ist die auf dem aktuellen Album enthaltene Musik. Und über allem schwebt "Mephisto": Franz Liszts "Mephisto Walzer Nr. 1" bildet den krönenden Abschluss.

Die fünf Musiker entdecken die mystische Seite auch bei Wolfgang Amadeus Mozart anhand seiner Bläserserenade Nr. 12, KV 388, die den Untertitel "Nacht Musique" trägt. In dem viersätzigen Werk, im Original für Bläseroktett, sind Mozarts Freude am klanglichen Experimentieren mit den verschiedenen Holzbläsern und seine Kontrapunktkunst deutlich zu hören.

Schostakowitschs Bühnen- und Filmmusiken sprühen nur so vor ausgelassener, funkelnder Klangfarbe. Die Suite auf dem Album verbindet den Galopp aus "Der helle Bach op. 35", die Romanze aus "Die Stechfliege", die düstere Polka aus "Der Bolzen", den berühmten Walzer II aus "Die erste Staffel" und den "Tahiti Trot" aus "Das goldene Zeitalter".

Außerdem begibt sich CARION auf die Suche nach mephistophelischen Indizien in Béla Bartóks Bearbeitungen transsilvanischer Melodien, den "Rumänischen Tänzen". Teuflisch gute Bläsermusik! (dkw)

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