Bunky Green: Jazz-Professor und Saxofon-Guru

  • 20.01.2017
  • Szene
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 2/2017
  • Seite 52-53

Einen Job bei Charles Mingus schlug er aus. Eine Karriere als Jazzsaxofonist brach er ab. Und an die Akkorde hält er sich auch nicht so recht. Der Altsaxofonist Bunky Green tat immer das Unerwartete und wurde darüber zur Legende.

Bunky Green und Charles Mingus

1957 ging er nach New York. Er war 22 Jahre alt, strotzte vor technischem Können und konnte bei jeder Jazzband einsteigen. Der Saxofonkollege Lou Donaldson empfahl ihn an Charles Mingus, der gerade einen Altsaxofonisten suchte. Mingus spielte dem Bewerber eine Phrase aus seiner Komposition »Pithecanthropus Erectus« vor und forderte ihn auf, sie nachzuspielen.

Als Bunky Green nach den Noten fragte, antwortete Mingus mit der ihm eigenen Logik: »Wenn ich dir die Noten gebe, wirst du die Phrase nie richtig spielen lernen.« Also blies der junge Saxofonist sie nach Gehör – und Mingus war zufrieden. Bunky Green wurde der neue Altist in seiner Band, man trat im Village Vanguard auf, dann ging es Richtung Westen von Club zu Club bis San Francisco.

Auf der Rückfahrt zur Ostküste ließ sich Green in der Nähe von Chicago absetzen, um seine Eltern zu besuchen – und kehrte nie zu Mingus zurück. Angeblich fürchtete er sich ein wenig vor den cholerischen Anfällen des großen, starken, manchmal gewalttätigen Bandleaders: »Ich war viel zu klein und nicht so kräftig.«

Greens ganz eigener Stil

Doch die Erinnerung an die kurze Zeit bei Mingus war Bunky Green immer sehr wichtig. »Ein Teil meiner Stilistik verdankt sich ihm«, sagt Green. »Mingus erklärte mir, dass es keinen falschen Ton gibt. Ich verstand, dass er über Spannung und Auflösung sprach – und darauf beruht mein Stil.

Du kannst zu einem Akkord fast jeden Ton spielen, sofern eine Auflösung folgt. Es hängt also davon ab, wohin du danach harmonisch gehst. Wenn es keine Spannung gäbe, gäbe es keine Auflösung, und das wäre ja total langweilig. Wenn du genug über Harmonik weißt, kannst du also ganz andere Wege durch die Akkorde finden.

Das Wichtigste ist, dass ich eine Kontinuität schaffe, die ihre eigene Logik hat. Ich nähere mich dabei der harmonischen Struktur mehr suggestiv an, als dass ich wirklich die Harmonien spiele, aber ich kehre immer mal wieder zu den Akkorden zurück. Vor allem für dieses ›Inside-Out­side‹-Spielen bin ich bekannt geworden, und ich bin verantwortlich für diese stilistische Entwicklung, die sich im ganzen Jazz ausgebreitet hat. Aber lange Zeit wusste niemand, von wem sie kam.«

Die Schule der Clubs

Bunky Green war Autodidakt. Ursprünglich spielte er Tenorsaxofon und wollte so klingen wie Gene Ammons oder Dexter Gordon. Dann hörte er eine Platte des Altsaxofonisten Charlie Parker und fühlte sich »erleuchtet«: »Mein Vater hat Schulden gemacht, nur um mir ein Altsaxofon kaufen zu können.«

Mit 15 Jahren konnte er alles, was Parker bis dahin aufgenommen hatte, auswendig nachspielen. Alles Weitere lernte er in den Clubs der Walnut Street in seiner Heimatstadt Milwaukee.

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