Bundesmusikdirektor Heiko Schulze über Wettbewerbe und Wertungsspiele

Heiko Schulze ist Bundesmusikdirektor der Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände, die im kommenden Jahr das Deutsche Musikfest in Osnabrück austrägt. Als solcher ist er verantwortlich für das musikalische Programm und für das Kerngeschäft Wettbewerbe. Wir trafen Heiko Schulze in der Geschäftsstelle in Stuttgart-Bad Cannstatt.

»Wettbewerbe sind für Pferde, nicht für Künstler« hat Béla Bartók gesagt. Was ist Ihre spontane Reaktion darauf?

Das ist ein wunderbares Zitat! Ich provoziere damit auch sehr gerne bei den unterschiedlichsten Veranstaltungen, wenn es darum geht: Was sind die Chancen von Wettbewerben – und wo sind die Grenzen? Genau in diesem Spagat sich zu bewegen ist eine spannende Aufgabe. Ich glaube, auch Bartók wollte mit diesem Zitat mehr provozieren, als eine manifestierte Aussage treffen.

Beim Sport habe ich Stoppuhr und Maßband. Wie aber ist Musik eigentlich messbar?

Sie haben vollkommen recht: Es gibt kein höher, schneller, weiter, es gibt keine Standardparameter, die man in Zahlen pressen und mit einer Stoppuhr oder einem Maßband nachweisen kann. Dennoch gibt es Parameter, die wir aus dem normalen Wertungsspiel kennen. Das sind die berühmten 10 Punkte, bei denen es um handwerkliche Dinge geht wie Intonation, Rhythmik, Phrasenaufbau, Agogik, Dynamik, Zusammenspiel.

Hiermit kann man die Grundlagen überprüfen, die jedes Orchester braucht. Und darüber hinaus geht es darum, wie der Notentext umgesetzt wird: Es soll ja nicht nur eine handwerkliche Wiedergabe sein, sondern auch ein künstlerisches Produkt. In diesem Spagatfeld kann man sehr wohl Urteile und Meinungen finden – vor allem dann im Gespräch mit den Jurykollegen.

Wo fängt Kunst an? Es reicht also nicht, einfach das zu spielen, was im Notentext steht?

Die Frage ist ja: Was steht denn da? Ein anderes bekanntes Zitat besagt, dass das Wichtigste zur Musik zwischen den Noten steht. Natürlich geht es um die Grundparameter, die funktionieren müssen. Eine Intonationstrübung kann manchmal auch ganz schnell zu Intonationsverfehlungen führen.

Der künstlerische Wert einer Interpretation aber ist genauso wichtig. Vor allem in den höherklassigen Wettbewerben geht es ja nicht mehr um die Basics, sondern darum, wie Musik gemacht wird. Was entsteht dort auf der Bühne? Ist das Orchester in der Lage, eine Gesamtinterpretation zu erzeugen, die Publikum und letztlich auch Jury fesselt? Ist die Interpretation stilsicher? Entspricht sie der Partitur und dem Anliegen des Komponisten? Berührt sie? Kommt sie über die Rampe?

Fehler sind also durchaus verzeihbar?

Das ist doch selbstverständlich! Es passiert ja auch im Profibereich, dass mal ein Ton wegbricht oder ein Einsatz nicht passt. Das ist nicht nur verzeihbar – das zeigt doch auch, dass es lebt und man bereit ist, ein Risiko einzugehen. Ein Vortrag mit angezogener Handbremse kann nie so gut sein wie einer voller Leidenschaft und Inbrunst, wenn ich spüre: Da wird mit Offenheit und auch Risikofreude musiziert.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Wie aber einigt man sich in einer Jury, wenn die Geschmäcker verschieden sind?

Im Idealfall gibt es eine große Übereinstimmung unter den Kollegen. Man denkt und fühlt genau in derselben Struktur. Dann ist man sich ganz schnell einig und findet innerhalb von Sekunden ein Ranking. Wenn man nun aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommt, also mit Kollegen aus anderen Teilen Europas zusammenarbeitet, dann wird es schwierig. Wenn dann auch noch Kollegen dabeisitzen, die zum ersten Mal in diesen Rankingstrukturen denken müssen und auch das Punktesystem noch nicht verinnerlicht haben, wird es auch wieder schwer.

Zusammenfassend kann man sagen: Die objektive Meinung der Jury entsteht aus der subjektiven Wahrnehmung der einzelnen Mitglieder. Und als Vorsitzender haben Sie dann die freudige Aufgabe, aus den vielen Einzelmeinungen ein Gesamturteil zu bilden.

Das geht nur im Gespräch. Ich habe es noch nie erlebt, dass man sich auf mathematische Berechnungsformeln berufen hat, um dann die Kommastelle entscheiden zu lassen. Die subjektiven Wahrnehmungen müssen zusammengeführt werden. Das ist ein spannender Prozess.

Gab es noch nie Diskussionen, die länger gedauert oder zu gar keinem Ergebnis geführt haben?

Da gibt es die unterschiedlichsten Erfahrungen. Das kann auch schon mal ein Generationenproblem sein, weil ein älterer Kollege auf ganz andere Dinge Wert gelegt hat. Oder wenn beispielsweise ein Kollege aus Prag kommt, der einen kompakten Orchesterklang wünscht und neben ihm jemand sitzt, der einen eher kammermusikalischen, transparenten Klang mag, dann prallen da zwei Welten aufeinander. Die müssen sich erst einmal zusammenfinden.

Aber dass gar kein Ergebnis vorlag…?

Das ist noch nicht vorgekommen. Das darf gar nicht vorkommen. Das ist ja der Job der Jury. Das ist wie in der Politik, wenn Sie in Koalitionsverhandlungen gehen. Das ist ein hartes Geschäft – gerade wenn Sie der Vorsitzende einer Jury sind: den Ausgleich zu finden; mit den Kollegen auch so zu sprechen, dass sie sich verstanden fühlen – damit es zu einem Ergebnis kommen kann.

Und der Vorsitzende ist der, der zwischen allen Mitgliedern vermitteln muss?

Genauso ist es. Der Juryvorsitzende hat die Hauptaufgabe, dass das Reglement eingehalten wird, dass die Jury funktioniert und zu einem Ergebnis kommt. Eine schöne Erfahrung habe ich in der Jury beim WMC in Kerkrade im vergangenen Jahr gemacht. Dort gab es einen unabhängigen Juryvorsitzenden, der uns als Moderator in Krisenzeiten zur Seite stand – wenn es also überhaupt nicht ging.

Jeder Einzelne konnte mit dem externen Moderator ein Gespräch führen und über das Gespräch konnte ein Gesamtergebnis gefunden werden. Das fand ich einen sehr schönen Ansatz. Der Externe wusste ebenso, worum es ging, hat die Partitur mitgelesen, saß neben uns und hat alles verfolgt – hat aber nicht in unser Bewertungssystem eingegriffen. Er hat nur in dem Fall, in dem die Differenzen zu groß waren, versucht zu einen und den Kompromiss zu suchen.

Mehr zum Thema im CLARINO-Podcast

Bundesmusikdirektor Heiko Schulze kann zum Thema Wettbewerbe noch viel mehr erzählen! Was hält er persönlich von den "blinden" Brassband-Wettbewerben? Kann er als Juror bei privaten Konzertbesuchen abschalten oder läuft da ein rationales Muster durch? Was läuft sonst noch beim Deutschen Musikfest in Osnabrück, dessen Anmeldefrist erst Ende des Jahres endet? Und bei welchem Werk würde er am liebsten nicht Juror sein wollen?

Einfach reinhören: podcast.clarino.de

    Man erwartet, dass die Musiker und Dirigenten vorbereitet sind – wie gut muss ein Juror vorbereitet sein?

    Natürlich sollte man das Werk kennen und wissen, was die Anforderungen sind. Eine spannende Diskussion kommt dann auf, wenn es um die höherklassigen Wettbewerbe geht: Wo passiert jetzt gerade mit mir als Juror etwas? Wie spricht mich das an? Und warum spricht es mich an? Was spricht mich beim nächsten Vortrag anders oder weniger an? Das sind Erfahrungswerte, die Sie begründen können durch fachliche Dinge.

    Neben dem Kennen und Wissen der Partitur ist es auch ein Überraschungsmoment, wenn Sie als Juror mit Musik beseelt werden, die Sie ja immer wieder neu hören. Da hilft die Partitur nur bedingt, weil ja auf der Bühne etwas entstehen soll. Und in den schlechtesten Fällen passiert auf der Bühne eben leider nichts.

    Was kann denn Musik konkret auslösen?

    Der spannendste Punkt ist immer, wenn kammermusikalische Passagen, wenn offene, transparente Stellen kommen. Wie gelingt es dem Orchester, aus dem Tutti in diese Transparenz hineinzukommen? Was mir auch immer sehr wichtig ist: Wie schafft es das Orchester, eine Gesamtdramatik in dem Stück anzulegen? Wo ist dieser Spannungshöhepunkt? Wie wird das ausgespielt? Wie werden auch Pausen genossen, wie sind Abschlüsse miteinander, wie Phrasen musiziert?

    Zeigt das Orchester in allen Registern eine Homogenität auf, die eigenständig funktioniert, aber auch einen beeindruckenden Orchesterklang erzeugt? Wie ist der spezifische Orchesterklang? Nehme ich den wahr oder ist das ein Tutti-Einheitsbrei, der sich nicht unterscheiden lässt? Das Wichtigste für mich ist: Als Juror möchte ich auch ein Stück weit Publikum sein. Ich möchte Mensch sein in einem Konzertsaal, der sich von dem, was auf der Bühne passiert, beeindrucken und beeinflussen lässt.

    Nach Darbietungen wird den Orchestern ja auch immer etwas »mit auf den Weg gegeben«. Was ist das denn genau?

    Zunächst müssen wir deutlich zwischen einem Wertungsspiel und einem Wettbewerb unterscheiden. Beim Wertungsspiel steht der helfende, pädagogische Aspekt im Vordergrund. Dort muss es natürlich ein motivierendes Gespräch geben zwischen dem Dirigenten und dem Juryvertreter.

    In diesem Gespräch sollten die positiven Dinge dargestellt und Hilfestellung gegeben werden. Im Wertungsspiel sind für mich schon alle Sieger, die gekommen sind. Und im Wettbewerb ist der Auftrag, ein Ranking zu finden. Beim Wettbewerb muss man eben auch mit Niederlagen umgehen können.

    Für wen ist denn wann ein Wertungsspiel überhaupt sinnvoll?

    Wenn wir in unseren Kursen für Blasorchesterleitung über Zielstellungen sprechen, ist eine zentrale Frage: Wie kann ich Motivation im Orchester erzeugen? Das altbewährte Mittel ist, eine gemeinsame Zielstellung zu definieren. Das kann das Jahreskonzert sein. Das kann eine CD-Produktion sein. Aber eben auch die Frage, ob wir uns von einer kompetenten Jury beurteilen lassen und Hilfestellung erfahren wollen. Wenn ich wissen möchte, wo unsere Stärken und Schwächen sind, dann ist das Wertungsspiel das ideale Instrument.

    Und der Wettbewerb ist ein Ereignis, auf den ich mich auf der Stuhlkante sitzend noch mal ganz anders vorbereiten muss, weil mehrere Orchester um einen Titel ringen. Dann muss ich die Frage stellen, wie ich eventuell mit Niederlagen umgehe. Sind wir so stark als Orchester, dass wir auch mit einem letzten Platz leben können? Diese Verantwortung muss natürlich bei der Auswahl des jeweiligen Formats bedacht werden.

    Sollte »Dabei sein« alles sein? Oder kann ich mir das Gewinnen zum Ziel setzen?

    Da sind wir ja wieder bei Bartók. Wenn wir Wettbewerbsformate so verstehen, dass es ein Zusammentreffen von vielen Gleichgesinnten ist, wenn wir das Zuhören, das Vergleichen als Bestandteil dieser Wettbewerbsteilnahme sehen, dann sind Wettbewerbe etwas Wunderbares.

    Im Profibereich würde niemand auf die Idee kommen, einen Wettbewerb beispielsweise zwischen Berlin, Wien und Amsterdam anzuregen. In der Realität gibt es große Festivals und Festwochen, bei denen sich Top-Orchester zu bestimmten Themen finden und Konzerte geben. Das ist kein Wettbewerb, das ist ein kulturelles Highlight. Und wenn wir Wettbewerbe zu einem solchen kulturellen Highlight instrumentalisieren könnten, dann wär das doch fantastisch!

    Wird Osnabrück solch ein kulturelles Highlight?

    Ich wünsche es mir und ich hoffe es. Wir haben vollkommen unterschiedliche Wettbewerbe angedacht und wollen versuchen, neue Ideen auszuloben. Beim Bläserklassenwettbewerb etwa haben wir ganz bewusst keine Titel vorgegeben, sondern die Teilnehmer beauftragt, ein kleines Programm zu gestalten unter der Überschrift »Unsere Welt klingt bunt«.

    Wir haben unseren Konzertwettbewerb, mit dem die BDMV die höherklassigen Konzertorchester ansprechen will. Ebenso haben wir ein Format in der traditionellen Blasmusik, und die Brassbands sagen: »Wir wollen einen Entertainment-Wettbewerb versuchen.« Die Kollegen in der Deutschen Meisterschaft im Spielleutebereich denken noch viel stärker im Wettbewerbsranking.

    Und nicht zuletzt wird als neues Format ein Dirigentenwettbewerb stattfinden, bei dem wir jungen, engagierten Dirigenten die Chance geben, sich zu treffen und miteinander zu sprechen. Wenn wir es schaffen, diese große Gemeinschaft zusammenzuführen – dann würde mich das sehr glücklich machen.

    Das Schwerpunktthema »Wettbewerbe in der Musik« besteht aus vier Artikeln mit insgesamt 14 Seiten:

    • 09.11.2018
    • Schwerpunktthema
    • Klaus Härtel
    • Ausgabe: 11/2018
    • Seite 27-29

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