Bühnenpräsenz. Das Auge hört mit

Foto: Christian Mayr

Unser heutiges Thema soll ein Problem beschreiben, das in einer Zeit buntbewegter telegener Bilder für uns »absolute Musiker« zunehmend schwerer zu realisieren ist. Wir sind es gewohnt, alles mit Bildern hinterlegt zu bekommen. Qualitäten des reinen Zuhörens und Mitdenkens werden in die »hintere Reihe« verbannt.

Den einzelnen Teilen stelle ich zufällig ausgewählte Sprüche aus der Heiligen Schrift voran, die zeigen sollen, dass die Menschen bereits vor Jahrtausenden durch die gleichen Gedanken und Empfindungen umgetrieben wurden wie wir heute.

Die Ohren gellen (1. Sam. 1,15)

Selbst bei der Musik im Rock/Pop-Bereich wird die Darbietung durch veitstanzartiges »Hupseln und Dupseln« ins Unnatürliche überhöht, um die Bedeutung der oft aggressiv oder larmoyant anmutenden Musik mit dem Nimbus des Außergewöhnlichen zu versehen und die Zuhörenden in Begeisterung zu versetzen.

Immer steht dabei die Frage im Raum: Wie will man eine solche Bühnenpräsenz noch toppen und wo bleiben die tiefen, gedankenvollen künstlerischen Darbietungen ernster Musiker in dieser oberflächlichen Lärmigkeit?

Lassen Sie mich, verehrte Leser, deshalb den Begriff »Präsenz« auf seinen Ursprung zurückführen. Dann wird uns schnell deutlich, was wir Orchestermusiker mit »Bühnenpräsenz « zu tun haben.

Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe (nach Ps 127,2)

Bildungssprachlich bedeutet der Begriff »Präsenz« die bewusst wahrgenommene Gegenwärtigkeit von Personen, Gruppen oder Dingen. Umgangssprachlich verbinden wir mit »Präsenz« körperliche und geistige Ausstrahlungskraft, also die geistgesteuerte Körpersprache.

Da unsere schöne deutsche Sprache ungemein viele Bilder und Synonyme besitzt, möchte ich Ihnen zu unserem Begriff einige nennen: Anwesenheit, Aufenthalt, Beisein, Gegenwart oder Zugegensein. Synonyme, die die Körperlichkeit geistiger und psychischer Kräfte einer Person beschreiben, sind Ausstrahlungskraft, Charisma, Faszination, Wirkung, Zauber, Aura, Strahlkraft oder auch Air, Appeal, Image und vieles, vieles mehr.

Unrecht Gut gedeihet nicht (Spr. 10,2)

Für uns klassische und klassisch blasende Musiker kann Bühnenpräsenz zunächst nur mit dem Auftritt, der Bühnenhaltung, der Auftrittsdisziplin und anderen, mehr organisatorischen Faktoren verbunden werden. Auftritte der Volksmusikanten möchte ich an dieser Stelle nicht nennen; sie agieren auf der Bühne im Fernsehen mit angespannten Bewegungen, die für das Blasen eigentlich völlig ungeeignet sind und stabile bläserische Leistungen eher verhindern als fördern.

Dies wirkt lebhaft und impulsiv auf der Bühne; die Hörseher vergessen allerdings, dass die oftmals phänomenalen Bläser im TV immer nur Playback auftreten.

  • 21.06.2019
  • Schwerpunktthema
  • Stefan Fritzen
  • Ausgabe: 5/2019
  • Seite 22-25

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